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12.08. Rugby-Krise

Die All Blacks oder: Wie schwarz ist Schwarz?
18 Uhr, Hauptnachrichtenzeit in Neuseeland. Passend zur angespannten Lage der Nation, die um den Gesundheitszustand der schwangeren Moderatorin fürchten lässt, trägt Melissa Chan-Green, die Frontfrau des TV-Senders Newshub, Trauerschwarz. Die All Blacks in der Krise, das ist das Aufmacherthema. 

Es sind nur noch sechs Wochen bis zum Beginn der Rugby-Weltmeisterschaft in Japan, und anstatt nach einer „ganzen Serie von besorgniserregenden Resulaten“ endlich einen Aufwärtstrend zu verzeichnen, sind Neuseelands Superstars in Perth gegen Australiens Wallabies 26:47 (13:16) untergegangen. Mehr Punkte hat noch nie eine Mannschaft gegen den dreifachen Weltmeister erzielt, es war die höchste Niederlage – auch mit 21 Punkten Differenz – seit der 7:28-Pleite 1999 gegen die Australier, die danach auch prompt Weltmeister wurden. Ein böses Omen? Bei Schwarzsehern hat das große Zittern begonnen.

Aber ist alles so „all black“, wie die Demütigung suggeriert? Nach einem mühevollen 20:16-Sieg in Argentinien, einem Unentschieden (16:16) gegen Südafrika und dem Desaster von Perth ist die Rugby Championship, die Meisterschaft der vier Topteams der südlichen Hemisphäre schon mal futsch. Die sicherten sich die ungeschlagenen Südafrikaner mit einem 46:13-Sieg in Argentinien. 

Falls die All Blacks jetzt auch noch das Rückspiel um den Bledisloe Cup – das ist das jährliche Duell zwischen Neuseeland und Australien – am kommenden Samstag in Auckland verlieren, könnten die Wallabies die Trophäe zum ersten Mal seit 2002 in die Höhe recken. Nur ein vorzeitiges Scheitern bei der WM, wo die All Blacks im ersten Gruppenspiel am 21. September in Yokohama auf Südafrika treffen, wäre schlimmer.

Eine Dominanz ohnegleichen seit November 2009

Es sind Gefühle, an die sich die Leute im Land der Kiwis erst wieder gewöhnen müssen. Seit November 2009 führen die All Blacks die Weltrangliste an und halten die Position auch nach der Rasur von Perth, weil Verfolger Wales in England 19:33 verlor. 2011 und 2015 triumphierte Neuseeland bei der Weltmeisterschaft. Es war eine Dominanz ohnegleichen. Aber nach den Rücktritten der besten All Blacks aller Zeiten nach dem Triumph 2015 hat ein kontinuierlicher Abwärtstrend stattgefunden. Und an keinem, der von dieser Truppe noch dabei ist, ist die Zeit spurlos vorübergezogen.

Schon im vergangenen Jahr mussten die Neuseeländer anerkennen, dass die Konkurrenz aufgeschlossen hat, indem sie das Spiel der All Blacks kopiert oder zerstört. Es setzte Niederlagen zu Hause gegen Südafrika (34:36) und auf der Europa-Tour gegen Irland (9:16). Gegen England (16:15) retteten sie sich gerade so über die Ziellinie. Nur Australien war Kanonenfutter: Die All Blacks fertigten sie 38:13, 40:12 und 37:20 ab. Und ausgerechnet gegen die Wallabies erlebten sie jetzt dieses Desaster. 

Die mitreißend auftrumpfenden Australier schlugen den großen Rivalen mit dessen eigenen Waffen: mit bedingungslosem und passgenauem Angriffsrugby. Das vorzeitige Ende für die All Blacks kam, als Zweite-Reihe-Stürmer (Lock) Scott Barrett, dessen Ellbogen nach dem Tackling eines Teamkollegen am Kopf von Wallabies-Kapitän Michael Hooper landete, in der 39. Minute die Rote Karte sah. 

Die vierte Rote Karte in 135 Jahren   

Auch dieser Platzverweis, den Trainer Steve Hansen als dumm („dumb footy“) bezeichnete, war eine Rarität: Es war erst die vierte Rote Karte (nach 1925, 1967 und 2017) gegen einen All Black in 135 Jahren und 583 Spielen. Die Tageszeitung The Press listete den Sünder als neues Mitglied der „Hall of Shame“, die (Un-)Ehrenhalle der Schande. 

Das Vergehen war symptomatisch für die mangelnde Disziplin, mit der sich die All Blacks – und auch die Vereinsteams – schon das ganze Jahr selbst in die Bredouille gebracht haben, nicht nur mit Fouls, sondern auch technischen Regelverstößen, die jedes Mal einen Strafkick für den Gegner nach sich ziehen. 

Disziplinlosigkeit und Dummheit zählt Trainer Hansen jedoch zu den „easy fixes“, den einfach zu behebenden Mängeln. Schwieriger sei es jedoch, „die vielen technischen Fehler auszumerzen“, sagte er und meinte damit die unzähligen Knock-ons (Ballverlust in der Vorwärtsbewegung, der mit Ballbesitz für den Gegner geahndet wird), ungenaue Pässe und sage und schreibe 38 erfolglose Tackles.

Obwohl vor dem WM-Auftakt nur noch zwei Begegnungen - am Samstag gegen Australien und am 7. September gegen Tonga – auf dem Programm stehen, hat der Coach seine Idealformation noch nicht gefunden. Und aufgrund der in Perth erlittenen Oberschenkelzerrung von Jack Goodhue muss er gegen die Wallabies zum vierten Mal hintereinander eine neue Mittelfeld-Kombination aufs Feld schicken. 

Probleme mit Vorderreihe, Flügelstürmern und Spielmacher-Duo

Auch die personelle Lage in der Vorderreihe ist angespannt. Sie sind nicht nur vier Jahre älter als vor vier Jahren, sondern entsprechen auch nicht mehr den modernen Frontmännern, die nicht bloß schwergewichtig, sondern auch schnell und wendig sind. Das Bäumchen-wechsle-dich-Experiment mit den beiden Flügelstümern (Nr. 6 und 7) und der Nummer acht wird wohl fortgesetzt, aber hinter der nun zwei Mal getesteten Variante mit zwei Spielmachern – Emporkömmling Richie Mo’unga auf der klassischen Position mit der Nummer zehn, der etablierte Beauden Barrett ganz hinten als Fullback (Schlussmann/Nr. 15) – steht ein Fragezeichen.

Zum einen stört Barrett gelegentlich Mo’ungas Kreise, und noch scheut sich der junge Mann aus Christchurch, dem zweifachen Weltrugbyspieler des Jahres vor den Kopf zu stoßen. Zum anderen wird durch Barretts Rückzug Ben Smith, der einst als beste Nummer 15 der Welt galt, als rechter Außendreiviertel (Nr. 14) in eine Position gedrängt, auf der er kaum Wirkung entfaltet. 

Aber noch sieht Trainer Hansen, der, wie auch viele Spieler, nach der WM zurücktreten wird, keinen Grund, in Panik auszubrechen. „Die Mannschaft ist mental angeschlagen, aber wir müssen das eintüten und daraus lernen, um besser zu werden“, sagt er mit Blick auf die Revanche-Möglichkeit im Eden Park, wo die All Blacks seit 1994 nicht mehr verloren und die Wallabies seit 1986 nicht mehr gewonnen haben. Und schon gar nicht nach großen Siegen zu Hause. 

Statistisch belegt ist auch, dass die All Blacks nach den schlimmsten Tiefschlägen umgehend fast immer Großes vollbracht haben, besonders gegen Australien. Falls ihnen das am Samstag nicht gelingt, tragen sie ja schon die passende Farbe, und bei der Nachrichtenfrau hängt das kleine Schwarze bestimmt noch im Schrank.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

 

Update 17.08.2019

Form bei 36:0 zurück, 
Weltranglisten-Führung weg

Verrückte Rugby- und Ranglisten-Welt: Da fegten die All Blacks im Rückspiel um den Bledisloe-Cup Australiens Wallabies in Auckland mit 36:0 vom Platz, und doch verloren Neuseelands Rugby-Stars fünf Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft in Japan ihre fast zehn Jahre währende Führung in der Weltrangliste, die sie am 16. November 2009 übernommen hatten. 

Wales ist nach einem 13:6-Sieg gegen England erstmals die neue Nummer eins – und wie die All Blacks hatten sie Revanche für eine böse Klatsche in der Vorwoche genommen. Die Waliser hatten sechs Tage zuvor beim 19:33 in Twickenham gegen England kein Land gesehen. 

Der dreifache Weltmeister Neuseeland war eine Woche zuvor in Perth 26:47 untergegangen, die höchste Niederlage seit 1999, und noch nie hatten sie mehr Gegenpunkte hinnehmen müssen. Ihr 36:0-Kantersieg im Eden Park, wo sie seit 1994 nicht mehr verloren haben, war weitaus eindrucksvoller als der Auftritt der Waliser, die seit der Einführung der Weltrangliste 2003 nach Neuseeland, Südafrika und Australien erst das vierte Team auf der Spitzenposition sind. 

Der Führungswechsel war für Wales-Coach Warren Gatland, einen Neuseeländer, jedoch nur zweitrangig; ihm war es in erster Linie darum gegangen, die passende Antwort auf die Demütigung der Vorwoche zu geben. „Letztlich ist die Nummer eins nur eine Zahl“, sagte er. 

Die aufgrund von Verletzungen und Formschwäche einiger Spieler auf zahlreichen Positionen umbesetzten All Blacks zeigten einmal mehr, dass sie nach einem Niederschlag besonders gefährlich sind. Sie überrannten die Australier förmlich.

Einziger Negativpunkt war das Ausscheiden des nun auch im Nationaltrikot zu Höchstform auflaufenden neuen Spielmachers Richie Mo’unga, der nach einem harten Tackle in der 58. Minute mit einer Schulterverletzung vom Platz musste. Trainer Steve Hansen meinte jedoch, bevor er überhaupt eine genaue Diagnose erhalten hatte, er mache sich um den WM-Einsatz der Nummer zehn aus Christchurch keine Sorgen. 

Mo’unga erzielte 14 der 36 Punkte der All Blacks mit einem Try (Ballablage hinter der Torlinie), einem Penalty (Strafkick) und drei verwandelten Bonuskicks nach Ballablagen. Es war sein bester Auftritt im Nationaltrikot. Auch das Experiment mit zwei Spielmachern – Mo’unga auf der klassischen Nummer zehn, Beauden Barrett als Fullback (Nummer 15) – durfte im dritten aufeinanderfolgenden Test als gelungen bezeichnet werden, die Angriffsmaschinerie kam endlich ins Rollen. 

Wales gelang gegen England nur ein Try, der Rest war erfolgreiche Defensivarbeit. (sis)
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