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14.08. Maori-Proteste

Kampf um ein gestohlenes Stück heiligen Lands
AUCKLAND. Die Fahrt vom Internationalen Flughafen in Auckland führt in Schlangenlinien um eine schier endlose Ansammlung von Logistik-Unternehmen, ein nüchternes, gesichtloses Industriegebiet in Mangere, einem südlichen Stadtteil der einzigen Millionenstadt Neuseelands. Doch plötzlich, wie eine andere Welt, grüne Wiesen, ein Dorf mit ärmlichen Holzhäusern, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. 

Es wuselt von Menschen, obwohl Ihumatao nur 294 Einwohner hat. Fast alle Maori. Eine große Familie. Sie grüßen freundlich mit „Kia ora“, das heißt „Guten Tag“ in ihrer Sprache. Dann kommt auch schon die erste Straßensperre, „die erste von drei Frontlinien“, sagt die alte Frau mit der breiten Zahnlücke, die hinter dem Qualm eines Feuers in einer Schubkarre auftaucht, und bietet lachend ein Sandwich an. Von hier geht es auf der Ourarangi Road nur noch zu Fuß weiter, an einer historischen Steinmauer entlang. Dahinter Weideland, auf dem Dutzende von großen und kleinen Zelten stehen. Bunte Fahnen wehen im Wind. Überall Transparente, auf denen steht, dass Ihumatao gerettet werden muss. Dass hier nicht gebaut werden darf. Dass hier die Vorfahren der Menschen, die das Bauland seit dem 23. Juli besetzt haben, begraben sind. 

Auf der anderen Straßenseite, die bald von einem neuen Industriegebiet überschattet werden wird, sind Baucontainer aufgereiht, inklusive Medienzentrum und Dorf-Café. Die Friseurin, die während eines kurzen Regenschauers von einem Schirmträger vor den Wetterunbilden geschützt wird, schnippelt Haare und rasiert Nacken unter freiem Himmel. 100 Meter weiter die nächste Straßensperre.

Steinfelder aus grauer Vorzeit

Das grüne Land gegenüber wird von der Zufahrtsstraße zu den Otuataua Stonefields durchschnitten. Auf der einen Seite steht diese Zeltstadt, auf der anderen Seite grasen Kühe. Diese Steinfelder sind ein Denkmalschutzgebiet um die Überreste der durch Steinbrucharbeiten schwer beschädigten Steinmauern auf der kleinen Ihumatao-Halbinsel im Manukau Harbour, nur drei, vier Kilometer Luftlinie vom Internationalen Flughafen in Auckland entfernt. 

Mit diesen aus aufeinandergeschichtem Vulkangestein bestehenden Mauern begrenzten die Maori einst ihre Felder, um den Boden zu erwärmen. Auf dem Vulkankegel des Te Puketaapapatanga a Hape am Horizont weht die Maori-Flagge. Dahinter fällt das Land ins Meer.

Auch diese Straße ist hinter der im Drei-Schichten-Betrieb betriebenen provisorischen Polizeistation und einer Zelt-Kantine blockiert. Mit der dritten Frontlinie. „Atea“, steht auf dem Schild vor dem Planenzelt. Das ist ein Raum für Verhandlungen und Diskussionen. Diskussionen, die spätestens seit dem 23. Juli in ganz Neuseeland geführt werden, denn seit jenem Tag herrscht in Ihumatao der Ausnahmezustand. 

Es geht um das Weideland zwischen der Ouranrangi Road und den Steinfeldern, ein 33 Hektar großes Stück Farmland, das Gavin Wallace 1867 vom Staat bekam und das seine Nachfahren 2016 an Fletcher Building, das größte Bauunternehmen der Nation, verkauften. Die Firma plant, ein Stadtviertel mit 480 Häusern darauf zu errichten.

SOUL: Save Our Unique Landscape

Nach dieser Entscheidung besetzte eine Maori-Protestgruppe namens SOUL – Save Our Unique Landscape (Rettet unsere einzigartige Landschaft) – das Gelände, um das Projekt zu verhindern, denn hier befinden sich eine befestigte Maori-Siedlung (pa) mit den Fundamenten von Häusern, mindestens zwei Maori-Grabstätten in Lavahöhlen und einer historischen Müllgrube. Es ist das früheste Zeugnis der Besiedlung der heutigen Millionenstadt, Tamaki Makaurau in der Maori-Sprache, vor rund 800 Jahren – quasi Neuseelands Stonehenge. 

Die Ureinwohner betrieben hier Ackerbau und Viehzucht. Als sich die ersten Europäer Ende des 18. Jahrhunderts in Auckland niederließen, verkauften ihnen die Maori auf den Märkten in der Stadt Fleisch, Obst und Gemüse. Den Maori ging es gut. „Das hier ist der Ort, an dem Polynesier zu Maori wurden“, sagt Pania Newton, eine der sechs SOUL-Gründer, „es ist ein Nationalheiligtum, an dem sich nicht 450 Millionäre erfreuen sollen, sondern fünf Millionen Neuseeländer.“

Das Baugebiet ist gestohlenes Land, von dem die Maori 700 Jahre nach ihrer Ankunft aus dem heutigen Französisch-Polynesien im Juli 1863 gewaltsam vertrieben wurden, als Generalgouverneur George Grey versuchte, das Maori-Königtum (Kingitanga) zu zerschlagen, die Maori sich aber weigerten, Treue zur britischen Monarchin Victoria zu schwören. Die Siedler plünderten das Land, stahlen das Vieh, brannten Häuser nieder, ehe die Kolonialmacht Ihumatao offiziell konfiszierte.

Die Widerständler haben rund einen Kilometer der öffentlichen Straße an dem geplanten Baugebiet entlang eingenommen. Sie sind halten das Land besetzt, um ihre Ansprüche sichtbar zu machen. Vom einstigen Ihamatao sind den Maori nur 270 Quadratmeter geblieben, ihr Versammlungshaus (Marae) steht darauf. Mit reichlich fließenden Spenden finanzieren sie die Baucontainer, Toiletten, Lebensmittel, den Fahrdienst. Ihr Protest ist eine Art Notwehr.

Erst rollte der Bautrupp an, dann die Polizei

Am 23. Juli rollte erst Fletcher ohne Vorwarnung mit seinen Bautrupps an, um mit den Aushubarbeiten zu beginnen, und dann die Polizei, um die von einem Gericht genehmigte Zwangsräumung durchzuführen. Die Demonstranten blockierten die Zufahrt von Fahrzeugen und Baggern. 

Meistens ist es zwischen den Maori, ihren Sympathisanten und den Ordnungshütern seither friedlich zugegangen, und an Wochenenden haben regelrechte Happenings stattgefunden, bei denen sogar Popstar Stan Walker aufgetreten ist. Aber es ist auch zu Zusammenstößen gekommen, als die Polizei ihre Präsenz erhöhte. 

Durch diese Konfrontationen ist Ihumatao ins nationale Bewusstsein gerückt, fast täglich wird in den Fernsehnachrichten darüber berichtet. SOUL-Sprecherin Pania Newton, eine junge Rechtsanwältin, die ihre Karriere für den Kampf um Ihumatao auf Eis gelegt hat, erklärte, sie sei bereit, für die Sache zu sterben. „Wir bleiben hier, bis die Bulldozer kommen“, sagt sie, „es ist so wichtig für meine Identität, die meiner Nichten und Neffen und für die Geschichte unserer Nation.“ 

Die Premierministerin hält sich heraus, der Maori-König bietet Hilfe an

Zwar hat Premierministerin Jacinda Ardern erklärt, der Streit um Ihumatao sei eine Maori-interne Angelegenheit, in die die Regierung nicht eingreifen könne, aber sie schickte kürzlich zwei Minister an die Front, um alle Betroffenen an einen Tisch zu bringen. Auch der Maori-König, der jüngst mit einem 200-köpfigen Gefolge zu Besuch kam, hat sich als Vermittler angeboten. „Jetzt wird verhandelt, aber alle Gespräche sind vertraulich“, sagt Qiane Matata-Sipu aus der SOUL-Führungsgruppe. 

Um die Gemüter zu beruhigen, hat die Regierungschefin verfügt, dass auf dem Areal solange nicht gebaut werden darf, bis sich alle Seiten geeinigt haben. Das Problem ist, dass sich diverse Maori-Gruppen uneins sind. Die Vertreter zweier Stämme (iwi) – Te Kawerau a Maki und Te Akitai – haben nämlich dem Bauprojekt unter der Bedingung zugestimmt, dass 30 Prozent der Häuser zu erschwinglichen Preisen angeboten und 40 Häuser für sozial schwache Maori reserviert würden. Wobei im überhitzten Immobilienmarkt von Auckland, wo wie in grauer Vorzeit in die Breite statt in die Höhe gebaut wird, 650.000 NZ-Dollar (375.000 Euro) als erschwinglich gelten. 

Zudem hat der Bauriese erklärt, ein Viertel der Fläche werde nicht bebaut und als 80 Meter breite Pufferzone dem Schutzgebiet der Otuataua Stonefields hinzugefügt. Archäologen würden dafür sorgen, dass kulturell sensible Flächen ausgespart würden. 

Für SOUL ist jedoch das komplette Areal ein „wahi tapu“ – ein heiliger Ort, dessen Geschichte durch die Errichtung eines neuen Wohngebiets ausradiert würde. Das findet auch Aucklands Stadträtin Cathy Casey, die schon vor drei Jahren sagte: „Wir haben mit der Genehmigung des Baugesuchs einen Fehler gemacht. Auf diesem Stück Land sollte nicht gebaut werden.“

Die Ourarangi Road wird zum Symbol eines Kulturkampfes

Nun ist die Ourarangi Road zum Symbol eines Kulturkampfes geworden, der Fortsetzung der Maori-Landkriege des 19. Jahrhunderts und ein unrühmliches Beispiel für die Spätfolgen des britischen Kolonialismus. 

Es offenbart die Schwierigkeit der Politik, in dem Spannungsfeld zwischen den Gefühlen der spirituell veranlagten Nachfahren der 1863 vom Land vertriebenen Maori, pragmatisch orientierten, aber von ihrem Volk abgehobenen Maori-Führern und dem „Big Business“ einen erfolgreichen Balanace-Akt hinzulegen, ohne selbst in Teufels Küche zu geraten. Würde die Regierung das einst von der Krone gestohlene Land – Wert: 36 Millionen NZ-Dollar (20,7 Mio. Euro) – zurückkaufen und an die Maori zurückgeben, würde sie, so Justizminister Andrew Little, „in ein Hornissennest stechen“, denn es würde ein Präzedenzfall mit weitreichenden Folgen geschaffen.

Die Kompensationsgeschäfte für angerichtetes Unrecht werden in Neuseeland vor dem Waitangi-Tribunal ausgehandelt, das sich mit der gesetzeswidrigen Enteignung der Maori nach der Unterzeichnung des Vertrags von Waitangi (1840) mit der britischen Krone beschäftigt. 

Dieses Organ kann nur Land aus Staatsbesitz zurückgeben, beispielsweise Wälder, Fischgründe oder Schutzgebiete. Für Land, das nach der Vertreibung von Maori und den Landkriegen in Privatbesitz überging, gibt es einen finanziellen Ausgleich, mit dem die Maori zum Verkauf stehendes Land – meist jedoch nur theoretisch – zurückkaufen könnten. Justizminister Little hat bereits angekündigt, dass es keine Gesetzesänderung geben wird: „Wir können nicht zurückgeben, was uns nicht gehört.“ Würde für Ihumatao eine Extrawurst gebraten, könnten alle abgeschlossenen Verfahren angefochten werden.

Für Ihumatao wurden bereits 186,8 Millionen NZ-Dollar gezahlt

Laut Auskunft des Regierungsbüros für Maori-Angelegenheiten (Te Arawhiti) hat das Waitangi-Tribunal seit 1975 exakt 88 Kompensationsgeschäfte abgeschlossen und – neben der Überschreibung von Land und anderer Sachwerte - 2,2 Milliarden NZ-Dollar (1,27 Mia. Euro) an die diversen Maori-Stämme überwiesen. 49 Verfahren sind noch nicht abgeschlossen. Für Ihumatao haben drei Stämme insgesamt 186,8 Millionen NZ-Dollar (108 Mio. Euro) erhalten – davon gingen 170 Millionen (98 Mio.) allein an die Waikato-Tainui, bei denen sich die Regierung offiziell für die Konfiszierung (raupatu) entschuldigte. Ein vierter Stamm darf mit 9 Millionen NZ-Dollar (5,2 Mio. Euro) rechnen.

Da in diesem Gebiet eine Vielzahl von Maori-Stämmen leben, ist die Auseinandersetzung um Ihumatao auch zu einem internen Kräftemessen geworden, bei dem die Anführer eine spektakuläre Kehrtwende hingelegt haben. Te Warena Taua, der Vorsitzende der Makaurau-Marae-Stiftung und Geschäftsführer des Te-Kawerau-a-Maki-Stammes, bekämpfte das Bauprojekt einst vor Gericht, bloß um es dann zu unterstützen – angeblich weil es angesichts der Wohnraumnot in Auckland ohnehin nicht zu verhindern war – und die Protestler aufzufordern, sie sollten „zu ihren eigenen Stämmen zurückgehen“. 

Seltsame Worte, wenn man bedenkt, dass Pania Newton seine Nichte ist, genau wie die anderen fünf SOUL-Gründungsmitglieder, doch Te Warena Taua stammt von einem anderen Stamm ab. „Er repräsentiert uns nicht“, sagt Newton, deren Familie auch heute noch in Ihumatao lebt, und Qiane Matata-Sipu fügt an: „Wir repräsentieren fünf Generationen unserer Familie, und alle sind gegen dieses Bauprojekt. Aber es wird eine Lösung geben.“ 

Bis dahin bleibt das Land der Vorfahren Besatzungszone. „Ihumatao wurde zweimal gestohlen, 1863 und 2016“, sagt Pania Newton. „2019 ist das Jahr, in dem wir es zurückbekommen. Das verspreche ich.“

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

 

 



Copyright alle Fotos:
Sissi Stein-Abel







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