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15.02. Hockey Pro League

Das neue Miteinander zwischen Männern und Frauen
CHRISTCHURCH. Australien, Neuseeland, Argentinien. Einmal rund um die Erde und doch erst am Anfang. Die schöne neue Welt der deutschen Hockey-Nationalmannschaften der Männer und Frauen, die sich eine Woche nach ihren Auftakt-Niederlagen in der neuen FIH Pro League in Australien (2:4 bzw. 3:5 im Penalty-Shootout) mit 3:1-Siegen in Neuseeland rehabilitierten und nun auf dem Weg nach Buenos Aires sind. Dort treffen sie am kommenden Freitag auf Argentinien.

Dass die deutschen Männer und Frauen als gemischte Reisegruppe im Sommer auf der südlichen Hemisphäre unterwegs sind, ist dem Zufall geschuldet, dass beide Teams dieser Länder Weltklasse sind. Aber wenn Männer und Frauen gemeinsame Sache machen, handelt es sich noch lange nicht um eine Bettgeschichte. Die Beziehung ist jedoch ausbaufähig. „Es findet ein Erfahrungsaustausch statt, aber noch zu wenig“, sagt Damen-Coach Xavier Reckinger, „wir müssen jetzt in Argentinien ein Team Deutschland hinkriegen“.

Aber nicht, dass jemand denkt, die Trainer und der Betreuerstab würden rund um die Uhr die Köpfe zusammenstecken. „Die Systeme sind sehr autonom, hier ist jeder in seinem Flow, jeder macht sein Ding“, sagt Herren-Trainer Stefan Kermas, „aber wenn man Inspiration braucht, ist der Austausch mit dem Kollegen bereichernd. Man kann Anreisepläne, Jetlag-Bewältigung und ähnliche Dinge diskutieren und optimieren, und natürlich gibt es sozialen Kontakt, wir gehen nach Feierabend zusammen etwas trinken, wenn Zeit dafür bleibt. Es ist aber nicht so, dass das erst auf dieser Reise entstanden ist. Wir haben ja in Deutschland ein sogenanntes Steuerungsteam, eine interne Bundestrainer-Gruppe, die sich regelmäßig trifft.“

"Unterschiedliche Spiele"

Spielsysteme und hockey-spezifische Fragen sind jedoch kein Thema. „Damen- und Herren-Hockey sind unterschiedliche Spiele, und von Damen-Hockey habe ich keine Ahnung“, sagt der 39-jährige Kermas, der früher Assistent von Markus Weise war – und der wiederum schaffte das Kunststück, sowohl mit den deutschen Frauen (2004) als auch den Männern (2008 und 2012) olympisches Gold zu gewinnen.

Einig sind sich Kermas und der 35-jährige Reckinger, ein ehemaliger belgischer Nationalspieler, in der Einschätzung, dass die neue Pro League die Qualität der Mannschaften steigern wird. „Man wird zwangsläufig besser, wenn man regelmäßig Spiele auf hohem Niveau bestreitet“, sagt Kermas. Der Aufwand ist jedoch enorm. 

Da sind zum einen die gestiegenen Kosten, zum anderen die Zeit. Die jetzige Reise durch den Sommer auf der Südhalbkugel dauert 22 Tage. Mehr als drei Wochen für drei Mal 60 Minuten Hockey pro Team. Das geht so bis Ende Juni, wenn bei der Endrunde in Amstelveen (Niederlande) der erste Pro-League-Champion gekürt wird.

Für die Männer ist der größte Reisestress dann erst einmal vorbei, da Pakistan – weil es in den ersten drei Runden nicht antreten wollte – vom Weltverband FIH von dem neuen Wettbewerb ausgeschlossen wurde und der Rest des verbleibenden Achter-Feldes aus Europa kommt. Die Frauen (neun Teams) müssen auch noch nach China (6. März) und in die USA (22. Juni). 

Der Europameister qualifiziert sich direkt für Olympia

Im August finden dann schon wieder beide Europameisterschaften in Antwerpen (Belgien) statt – sportlich fast die lohnendste Veranstaltung in diesem Jahr, denn der Kontinentalchampion qualifiziert sich direkt für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Fast alle anderen Teams müssen vermutlich Ende Oktober in eine Olympia-Qualifikation.

Während die Nationalmannschaften früher 80 bis 100 Tage im Jahr unterwegs waren, sind die Spieler durch die Pro League jetzt 120, vielleicht sogar 130 Tage nicht zu Hause. „Man zeigt den Terminkalender am besten nicht der Familie“, sagt Frauen-Kapitän Janne Müller-Wieland (Hamburg), „es ist sehr schwierig, Studium, Beruf, Hockey und alles andere zu koordinieren.“ 

Trainer Xavier Reckinger, ein ehemaliger belgischer Nationalspieler, bringt es auf den Punkt: „Die Spieler leben wie Profis, sind aber keine. Sie können ja von ihrem Sport nicht leben.“ Männer-Kapitän Mathias Müller meint: „Unser Team besteht fast ausschließlich aus Studenten, und da dauert das Studium halt nicht sechs Semester, sondern acht oder neun.“ Jene Akteure, die im Berufsleben stehen, hat Coach Kermas erst gar nicht mit auf die große Reise genommen. Er baut auf einen breiten Kader von bis zu 32 Aktiven.

"Die Bundesliga muss geschrumpft werden"

Ein anderes Problem ist die Belastung für die Vereine und den nationalen Liga-Betrieb. „Die Bundesliga muss angepasst und geschrumpft werden“, sagt Stefan Kermas, „da muss man nach dem ersten Jahr evaluieren, ob die extra Belastung akzeptabel ist. Das erste Jahr Pro League ist ein Versuchsballon.“ 

Im Gegenzug bietet der neue Wettbewerb, der das Turnierformat der Champions Trophy (und die World League) ablöst, dem Hockey die Chance, seine Popularität zu steigern, denn plötzlich hat jedes Team sieben (Männer) bzw. acht (Frauen) Heimspiele gegen die weltbesten Mannschaften; die Deutschen spielen zwischen 24. April und 16. Juni in Mönchengladbach und Krefeld. 

Neuseeland erlebt das Wunder schon jetzt, denn kaum ein europäisches Topteam war in der Vergangenheit bereit, für Testspiele ans andere Ende der Welt zu reisen. Jetzt ist die Welt zu Gast, und Xavier Reckinger ist begeistert: „Die Stadien sind voll, die Stimmung ist toll.“ Nachahmung erwünscht.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


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