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15.03. Terror in Christchurch

Massenmord weit weg von den Brennpunkten der Welt
CHRISTCHURCH. Es sah aus wie Fließbandarbeit. Eine Ambulanz fährt vor, die Hecktüren gehen auf, die Trage gleitet heraus, wird auf einen Rollenuntersatz gehievt, durch die Automatiktüren ins Krankenhaus geschoben. Der junge Mann auf der Liege regt sich nicht. Abfahrt. Der nächste Notarztwagen fährt vor. Diesmal liegt ein Mann mit schwarzen Haaren und einem schmalen Schnurrbart auf der Trage. Nackter Oberkörper, barfuß, die Laken sind blutverschmiert und -getränkt. Er wird in einen Rollstuhl gehoben. Ambulanzen. Ein Rettungswagen nach dem anderen. Sie laden die Menschen aus, die das Massaker von Christchurch überlebt haben. Männer. Frauen. Kinder.

Sie haben Glück gehabt, sofern dieses Wort nach solch einem Terrorakt nicht zu banal klingt, so wie die Cricket-Nationalmannschaft von Bangladesch, die gerade auf dem Weg zum Freitagsgebet in der Masjid-Al-Nur-Moschee in der Deans Avenue war, mitten in der Stadt am Hagley Park gelegen, als gegen 13:40 Uhr (Ortszeit) ein rechtsextremistischer Attentäter das Feuer auf die 200 oder 300 Menschen in der Glaubensstätte eröffnete und 41 Mitglieder dieser muslimischen Gemeinde umbrachte. 

Weitere sieben Menschen starben bei einem fast gleichzeitig verübten Anschlag in der Moschee in der Linwood Avenue, einem der östlichen Vororte der größten Stadt der Südinsel Neuseelands. 49 Tote. Mehrere Dutzend Verletzte werden im Krankenhaus behandelt. Drei Attentäter, darunter ein nach eigenen Video-Worten 28 Jahre alter blonder Australier, und eine weitere nicht direkt mit diesem Trio in Verbindung stehende Person wurden festgenommen. Drei Männer und eine Frau.

"So schockiert, dass mir die Worte fehlen"

Unfassbar, schockierend, entsetzlich: Der Terror hat das selbsternannte Paradies am weit entfernten – anderen – Ende der Welt eingeholt, ein kleines Land mit nur 4,6 Millionen Einwohnern, die sich immun gegen Extremismus von links, rechts und von religiösen Fanatikern wähnten. Und weit weg von den Brennpunkten der Welt. 

Die 49 Toten sind Migranten und Flüchtlinge. Menschen, die vor der Gewalt in ihren Heimatländern flohen und in Neuseeland ein besseres, friedlicheres Leben fanden. „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in Christchurch passieren könnte oder in Neuseeland“, fasst Bürgermeisterin Lianne Dalziel dieses ungläubige Staunen und die Verstörung in Worte, auch wenn sie kaum Worte für diesen menschenverachtenden Akt findet. „Ich bin so schockiert, dass mir die Worte fehlen.“

Am Hagley Park sind die Bangladeschis um ihr Leben gerannt; das Fünf-Tage-Länderspiel gegen Neuseeland am Hagley Oval, das heute beginnen sollte, wurde abgesagt, die traumatisierten Gäste fliegen so schnell wie möglich in die Heimat zurück. Ein Mann musste mitanschauen, wie seine Frau erschossen wurde. Freunde, die Freunde sterben sahen. 

An der Deans Avenue und an der Linwood Avenue trösten muslimische Glaubensbrüder einander, dunkelhäutige Frauen mit Kopftüchern und Gesichtsschleiern, Männer in langen Roben umarmen einander. Ein Teenager im Hagley Park erzählt, er sei so schnell gerannt, wie er konnte. „Es hat immer nur pop… pop… pop gemacht“, sagt er, „ich habe mehr als 50 Schüsse gehört.“ Mit drei oder gar vier Sturmgewehren oder Schnellfeuerwaffen hätten der oder die Attentäter in die Moschee gefeuert.

Australischer Massenmörder postete Livestream auf Facebook

Der australische Terrorist, dessen Identität die australischen Behörden als Brenton Tarrant preisgaben, postete 16 oder 17 Minuten seiner mörderischen Aktion als Livestream auf Facebook – das mit einer Helmkamera aufgenommene Video wurde später von der sozialen Plattform genommen. In dem Video soll der Mann gesagt haben: „Let’s get the party started!“ (Los geht’s mit der Party!) Dann setzte er sich ans Steuer, ließ den Motor an, fuhr zur Moschee und begann, auf die betenden Menschen zu schießen. Freitags, weil dann auch die Muslime aus den umliegenden Gemeinden zum Beten kommen. Weil er an einem Freitag den größten Schaden anrichten konnte.

In der Moschee an der Linwood Avenue schoss der Attentäter laut Augenzeugenberichten wahllos von außen in die Moschee, als erstes auf ältere Leute, die beim Gebet auf Stühlen saßen. Eine halbe Stunde später wurden Überlebende aus der Glaubensstätte geführt. Der Amokläufer trägt eine Militäruniform. Er wird später vor der Papanui High School festgenommen; das liegt nördlich des Stadtzentrums. 

Der Täter, dem 30 Menschen in der Masjid-Al-Nur-Moschee zum Opfer gefallen sind, flüchtet in Richtung Süden. Auf der Brougham Street, das ist die größte Ost/West-Achse südlich der City, rammt ein Polizeifahrzeug seinen grauen Kombi von der Straße, schwer bewaffnete Beamte zerren ihn aus dem Wagen, werfen ihn auf den Gehweg und machen ihn dingfest. In beiden Fahrzeugen werden Autobomben gefunden und entschärft.

Lockdown in der ganzen Stadt bis kurz vor 18 Uhr

Niemand weiß, ob es sich bei den Attentätern um eine kleine verschworene Gruppe handelt oder ob sie Teil einer größeren Terrorzelle sind. Deshalb rufen Premierministerin Jacinda Ardern und Polizeichef Mike Bush die Muslime Neuseelands auf, vorerst keine Moschee aufzusuchen. Niemand weiß, woher die Terroristen ihre Waffen haben, wie die Gewehre ins Land kamen oder wo die Männer gelernt haben, sie zu modifizieren. 

Die Ermittlungen laufen, der Lockdown endet kurz vor 18 Uhr, aber die Fragen bleiben. Auch die Fragen nach dem Selbstverständnis der Neuseeländer, die ihr Land wegen seiner Schönheit und Friedlichkeit – trotz Drogenkriegen von Banden und erschreckend vieler Fälle von Gewalt in der Familie – „Godzone“ nennen. Gottes Land, nach „God’s Own“.

Naturkatastrophen und Schiffsunglücke waren die Art von Disastern, die sie kannten. Erdbeben und Schlammlawinen, die manchmal hunderte von Menschen innnerhalb weniger Minuten umgebracht haben. Aber das? War das nicht ein Problem der USA, Europas und des Nahen Ostens, das viele Migranten und Flüchtlinge in dieses vermeintlich friedliche Land getrieben hat? 

Und jetzt? Hubschrauber über der 360.000-Einwohner-Stadt am Pazifischen Ozean, ohrenbetäubendes Sirenengeheul, hunderte Polizisten mit Sturmgewehren, Straßensperren, die komplette Innenstadt weiträumig abgeriegelt, Schulen, Büros, Geschäfte. Die unzähligen Schüler, die an diesem Tag am Platz vor der anglikanischen Kathedrale (Cathedral Square) zum ersten Mal gegen den Klimawandel protestieren, werden in öffentlichen Gebäuden in Sicherheit gebracht. Keiner darf raus, keiner darf rein. Der totale Lockdown.

Die unterschätzte Gefahr von rechts

Vor Schulen und Kindergärten im weiteren Umkreis stehen nervöse Eltern, Großeltern, Tanten und diskutieren, starren immer wieder auf ihre Handys, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Ob die Attentäter noch immer um sich schießen, ob sie festgenommen werden konnten, wer sie sind, wie viele Menschen sie umgebracht haben. Fassungslosigkeit steht ihnen in die Gesichter geschrieben. 

Außer mit ein paar wenigen lautstarken weißen rechtsextremen Rassisten sind sie in Christchurch, ja, in Neuseeland nie in Berührung gekommen; es hat einige kleine Anschläge gegeben. Eine Gefahr, die die Sicherheitsbehörden, wie Premierministerin Jacinda Ardern später sagt, vielleicht unterschätzt und mangels Resourcen nicht intensiv genug im Auge behalten haben. „Wir haben uns einseitig auf islamistischen Terror konzentriert“, sagt sie in einer Ansprache an die Nation, „aber wir müssen auch den rechtsextremen Terror in den Fokus nehmen.“ 

Die Attacken nennt sie „einen außergewöhnlichen und beispiellosen Akt der Gewalt“ und „einen der dunkelsten Tage Neuseelands“. Ein schwarzer Freitag. Aber sie sagt auch: „In Neuseeland ist kein Platz für extreme Gewalt und für solche Leute.“ 

Schärfere Sicherheitskontrollen an Flughäfen und anderen neuralgischen Punkten werden die neue Realität sein. Eine Realität, an die sich die locker-lässigen Neuseeländer, die weltweite Probleme gerne ignorieren, bis sie davon eingeholt werden, erst einmal gewöhnen müssen.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

INFO
Dieser Text wurde wenige Stunden nach den Massakern geschrieben, als man noch davon ausging, dass es sich um zwei Täter handelte. Ursprünglich wurden vier Personen festgenommen. 

Die Zahl der Opfer ist in 
der Zwischenzeit auf 50 gestiegen.

(Stand: 19.03.2019)
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