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15.07. Das Cricket-Drama

Kein Betrug, aber legalisierter Diebstahl des Titels
CHRISTCHURCH. Am Montagmorgen um halb sieben – Sonntagabend, 20:30 Uhr in Deutschland, 19:30 Uhr am Brennpunkt des Geschehens in London – war die Welt in Neuseeland nicht mehr in Ordnung. Es war noch dunkel, als die Welt unterging. 

In so vielen Häusern brannte Licht, die ganze Nacht hatten die Menschen am anderen Ende der Welt vor ihren Fernsehern gezittert, geflucht, gefeiert, gebetet, gejubelt, geschrien und gebangt. Sie hatten acht Stunden und fünfundvierzig Minuten dieses Wechselbad der Gefühle durchlebt, mal himmelhochjauchzend, mal hoffnungsfroh, aber letztlich doch zu Tode betrübt. Ein Morgen-Grauen. 

Das brutale, ja, unfassbare Ende des Finales der Cricket-Weltmeisterschaft, bei dem auf wundersame Weise eine Mannschaft – nämlich Gastgeber England – zum neuen Champion gekrönt wurde, die eigentlich gar nicht gewonnen hatte, ließ Neuseeland in einen Schockzustand versinken. Es war kein Trost, dass Premierministerin Jacinda Ardern das sagte, was alle dachten: dass man auf dieses Team, die Black Caps, „nur stolz sein“ könne.

Regeln gegen den Geist des Sports und der Fairness

Die Black Caps, die in einigen Szenen auch noch lausiges Pech hatten, Szenen, von denen jede einzelne ein Riesenschritt in Richtung Titelgewinn gewesen wäre, wurden nicht um den Sieg betrogen. Aber ihre Niederlage nach einem doppelten Unentschieden – am Ende der regulären beiden Durchgänge und nach der Verlängerung – entspricht legalisiertem Diebstahl. 

Diese schreiende Ungerechtigkeit wurde ermöglicht durch ein Regelwerk, dessen Kleingedrucktes nicht nur dem Geiste des Sports und der Fairness widerspricht, sondern auch dem Grundgedanken des Cricketsports. Dieser Un- und Widersinn wird klar bei einem Blick in das ABC dieses Spiels. 

Das ABC des Crickets enthüllt den Widersinn der neuen Regel

Beim Cricket treten zwei Teams à elf Spieler auf einem ovalen Rasenfeld gegeneinander an. Auf dem Platz stehen zehn Feldspieler (Fielders) und schauen, wie zwei gegnerische Schlagleute (Batsmen) an den beiden Enden eines länglichen Rechtecks (Pitch) in der Spielfeldmitte versuchen, einen von ihrem werfenden Teamkollegen (Bowler) abgefeuerten oder trickreich angeschnittenen Ball mit einem Schläger zu treffen und wegzuschlagen. 

Die Batsmen stehen vor den sogenannten Wickets, die aus drei 71 Zentimeter hohen, senkrechten Stäben (Stumps) bestehen, auf denen zwei kurze Querhölzer (Bails) liegen. Jede Mannschaft hat im Ein-Tages-Format wie bei dieser Weltmeisterschaft 300 Würfe (50 Overs à sechs Würfe), und nach jedem Over wechselt der Werfer. 

Batsman - Bowler - Fielder - Wickets - Runs - Overs

Der Batsman verteidigt das Wicket mit seinem aus Weidenholz gefertigten Schläger vor dem vom Bowler geworfenen Ball und versucht, Punkte (Runs) zu erzielen. Er drischt den Ball so weit weg, wie es geht. Landet der Ball hinter der Spielfeldgrenze (Boundary), gibt es sechs Punkte. Rollt er über oder an die Abgrenzung, gibt’s vier Punkte. Wird der Ball von einem Feldspieler gefangen, ohne den Boden berührt zu haben, scheidet der Batsman aus. 

Springt der Ball auf dem Boden auf, können die beiden Batsmen so oft zwischen den beiden Wickets hin- und herrennen (das ergibt die Anzahl der Runs), bis die Fielders den Ball zum Wicket befördert haben. Fallen die Bails vom Wicket, bevor der Batsman die vor den Wickets gezogene Linie überquert hat, scheidet der Batsman aus. 

Dieses Ausscheiden wird ebenfalls als Wicket bezeichnet. Und ein Wicket ist es auch, wenn ein Bowler die Stumps trifft und die Bails fallen, ohne dass der Batsman den Ball spielen kann. Sobald zehn der elf Batsmen ausgeschieden sind, ist der Durchgang (Innings) vorüber; die Mannschaften tauschen die Positionen, die Schlagmannschaft wird zur Feldmannschaft. Sieger ist das Team, das in seinem Innings mehr Runs erzielt hat.

Das theoretische Rüstzeug reichte nicht aus, um den Sieger zu bestimmen

Dieses theoretische Rüstzeug reichte jedoch nicht aus, um über Gewinner und Verlierer des packendsten WM-Finales aller Zeiten im Lord’s Cricket Ground, der Heimat dieses Sports, zu entscheiden. Denn entsprächen die Regeln dem Grundgedanken des Spiels, so viele gegnerische Spieler wie möglich zu eliminieren, hätte es nur einen Sieger gegeben: Neuseeland. 

Die Black Caps, die zuerst schlugen, erzielten in ihren 50 Overs 241 Runs und verloren acht Wickets. Die Engländer erzielten – dank einer widersinnigen anderen Regel aus dem Kuriositätenkabinett – ebenfalls 241 Runs, verloren aber mit dem letzten Ball auch ihren zehnten Batsman. 

Eigentlich wäre es nun logisch gewesen, dass bei gleich vielen Runs die geringere Wicket-Anzahl über den Sieger entschieden hätte, aber diese Regel wurde geändert. Anstatt Neuseeland mit dem ersten Weltmeistertitel einen der größten sportlichen Triumphe in der Geschichte der Nation feiern zu lassen, gab’s eine Verlängerung, den SuperOver mit jeweils sechs Würfen pro Team. 

So, als würden im Fußball Kopfballtreffer mehr zählen als Elfmetertore

England legte 15 Runs vor, Neuseeland zog mit 15 Runs gleich. Aber es gab keine zweite Verlängerung. England war Weltmeister, weil nun plötzlich die Anzahl der sogenannten Boundaries während der monumentalen Schlacht zählte, das sind die Schläge, die die Spielfeldumrandung berühren und als vier Runs zählen. Da hatte England 26 und Neuseeland nur 17. Das ist so, als würden im Fußball Kopfballtreffer mehr zählen als Elfmetertore. Oder beim Tennis die Anzahl der Asse statt in einen Tiebreack zu gehen. (Da hätte dann Federer in Wimbledon gewonnen und nicht Djokovic.)

Dass es überhaupt so weit kam, war fast schon pervers. Als sich nämlich beim drittletzten Ball ausgerechnet der gebürtige Neuseeländer Ben Stokes nach zwei Runs über die Linie rettete, prallte der von den Black Caps in Richtung Wicket geworfene Ball gegen seinen Schläger, flog in die Gegenrichtung und rollte gegen die Spielfeldumrandung. Das brachte Stokes weitere vier Runs ein – sechs Runs für einen Ball, der niemals über die Feldbegrenzung geflogen war, anstatt der zwei, die er sich verdient hatte. 

Dieses Geschenk des Himmels nahm Glückskind Stokes, der kurz zuvor nur haarscharf überlebt hatte, natürlich dankbar an, auch wenn er sich hinterher reumütig gab. „Ich werde mich bis an mein Lebensende bei Kane Williamson dafür entschuldigen“, sagte er in Richtung des neuseeländischen Kapitäns, der zugab, dass „diese Pille schwer zu schlucken ist“, und – Understatement des Jahres – die wundersame Szene sei „ein bisschen ein Jammer“ gewesen. Eher ein Hammer. 

Der Befund von Premierministerin Ardern nach dem Drama: „Ich denke, als Nation sind wir während dieses SuperOvers um ein Jahr gealtert.“ Und wer nicht blaumachte, hatte den Blues.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

Die Black Caps beim Abspielen der neuseeländischen Hymne vor dem WM-Finale in London.
(Bild vom Fernseher abfotografiert, SkySport TV, mit zusätzlichem Plüschkiwi ;-) )
Der Unsinn einer Regel

Die Regel, nach der beim Eintages-Cricket - dem Format dieser abgelaufenen Weltmeisterschaft - bei gleicher Anzahl von Runs (Punkten) nicht die Anzahl der Wickets zählt, wurde dem T20-Format angepasst.

T20 (Twenty-Twenty) ist die Kurzform des Crickets. In diesen Spielen werden nur jeweils 20 Overs (120 Würfe) pro Mannschaft gespielt. Dieses Format ist geprägt von aggressiver Spielweise. Der Mut zum Risiko - möglichst viele Boundaries (vier Runs) und Sixes (also weite Schläge, die in den Zuschauerrängen landen) zu erzielen - wird dadurch belohnt, dass bei gleicher Anzahl von Runs nicht die Zahl der verlorenen Wickets zählt, sondern die Anzahl der erzielten Boundaries. Das ist fair und entspricht dem Sinn des T20-Spiels.

Diese Regel auf ein Spiel anzuwenden, das mehr als acht Stunden dauert und in dem es in der Tat darum geht, über einen langen Zeitraum möglichst wenig Wickets zu verlieren, ist widersinnig. Wenn eine Mannschaft beim Eintages-Cricket so riskant spielt wie beim T20, endet das Spiel möglicherweise schon nach 20 Overs und nicht erst nach 40, 45 oder eben den maximalen 50 dieser Variante. Auf welche Weise eine Mannschaft ihre Runs erzielt, sollte keine Rolle spielen. Genauso wenig wie bei einem toten Rennen im 10.000-Meter-Lauf zählt, wer die meisten Zwischensprints eingelegt hat. Bei Zeitgleichheit entscheidet, wer die Brust vorne hat, und ist auch da kein Unterschied zu erkennen, gibt's zwei Sieger.

Die Spielsportarten haben für solche Fälle die Verlängerung, für weiter unentschiedenen Spielstand eine zweite Verlängerung, Elfmeterschießen, Sudden Death etc. 

Der Unsinn der anderen Regel und der große Irrtum

Die zweite heiß diskutierte Regel war der von Ben Stokes abgefälschte Ball, der England sechs Punkte einbrachte statt zwei. Und das Studium der TV-Bilder hinterher zeigten, wäre es sogar nur ein Run gewesen und Stokes wäre "out" gewesen" - sprich, er hätte, als er das Spiel für England entschied, gar nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen.

Der erste, der sich zu Wort meldete, war der frühere australische Schiedsrichter Simon Taufel. Demnach hätten die Schiedsrichter nach der Szene, in der der Ball vom Schläger von Ben Stokes zur Spielfeldumrandung rollte, nur fünf statt sechs Runs geben dürfen. Grund: Stokes und sein Schlagmann-Kollege Adil Rashid hatten die Linie vor dem Wicket noch nicht überquert, als Stokes vom Ball getroffen wurde, demnach hätte England dafür nur einen statt zwei Runs bekommen dürfen, plus dann die vier, die so ziemlich jeder normale Mensch für absurd hält. Macht fünf statt sechs. 

Dann hätte Neuseeland am Ende einen Run Vorsprung gehabt und der Zirkus um die Verlängerung und die Wertung nach der Anzahl der Boundaries wäre überhaupt nicht erst veranstaltet worden.  

Grundlage für die Aussage des Schiedsrichters ist Regel 19.8 des Cricket-Regelwerks. Sprich: Die Schiedsrichter verstießen sogar gegen die unsinnige Regel, nicht bloß der internationale Cricket-Verband ICC gegen den gesunden Menschenverstand. 

Hier ist eine der Storys zu diesem Thema, inklusive Video auf  www.stuff.co.nz 


Und der andere Irrtum...

Der große andere Irrtum war, Neuseelands Batsman Ross Taylor "aus" zu geben, obwohl der Ball den Wicket bei "leg before wicket" nicht getroffen hätte. Das Problem war, dass Neuseeland seine beiden "Reviews" schon verbraucht hatte, so dass die Video-Analyse nicht eingesetzt wurde. Vielleicht sollte künftig einfach jeder Wicket kontrolliert werden. Bis ein Spieler vom Platz trottet, vergeht genauso viel Zeit, und ob dann der vermeintlich ausgeschiedene oder ein neuer Batsman auf den Platz marschiert, ist unter dem Zeitaspekt unerheblich.






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