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17.03. Nach dem Anschlag

Kia kaha, Christchurch: Mitgefühl, Trauer und Trotz
CHRISTCHURCH. Linwood ist nicht schön, schon gar nicht an solch einem grauen Tag wie gestern. Die Geschäfte an der Linwood Avenue sehen noch schäbiger aus als sonst. Der Salon, der Schönheit, künstliche Fingernägel, Sonnenbräune und Körperbehandlungen verkauft, der indisch/asiatische Supermarkt, der Alkohol-Laden, die Spielhalle und der Fish’n’Chips Shop, Fisch und Pommes, alles in einer Reihe. Alles, wonach die Unterschicht in diesem Viertel lechzt. Alles billig. 

Hier will niemand wohnen, der Wert auf Sicherheit legt. Schlägereien, Einbrüche, Drogen sind an diesem sozialen Brennpunkt an der Tagesordnung, die Nächte können laut sein. Die meisten Gebäude sehen auch acht Jahre nach dem großen Erdbeben schäbig aus. Nur vier Kilometer vom funkelnagelneuen Stadtzentrum entfernt, ist es eine andere Welt. Der vergessene Osten von Christchurch. Aber immerhin sitzen auf dem Gehweg heute keine zwielichtige Gestalten. 

Ein querstehender Polizeibus blockiert die beiden nach Süden führenden Fahrspuren, auf dem erhöhten und begrünten Mittelstreifen stehen mit Gewehren bewaffnete Polizisten Wache. Der Terror hat das selbsternannte Paradies Neuseeland eingeholt, das Land, titelt die in Christchurch erscheinende Tageszeitung The Press, „hat seine Unschuld verloren“. Ein weiteres großes Fahrzeug und ein dunkles Zelt blockieren den Blick auf die Moschee, in der am Freitag sieben Menschen starben, als ein Attentäter mit einem halbautomatischen Sturmgewehr auf die im Freitagsgebet vertiefte muslimische Gemeinde wahllos Schüsse abfeuerte.

Art-Déco-Bau mit zertrümmerter Frontscheibe 

Aber was heißt hier schon Moschee? Das von der Linwood Avenue zurückgesetzte Gebäude ist eine bescheidene Versammlungsstätte in einem beigefarbenen Billigbau mit tannengrünem Dach. Männer und Frauen in weißen Overalls pendeln zwischen dem Bretterhaus und dem Einsatzzelt. Die Forensiker suchen und sammeln Spuren des Verbrechens, das erstmals in der Geschichte Neuseelands die höchste Gefahrenwarnstufe ausgelöst hat. 

In dem grauen Art-Déco-Gebäude nebenan ist die große Frontscheibe zertrümmert, auf dem bisschen Glas, das noch oben im Rahmen hängt, zeichnen sich Schussspuren ab, aber der Beamte, der als einer der wenigen hier kein Redeverbot hat, weiß nicht, was dort genau passiert ist. Die Moschee daneben ist Tatort Nummer zwei des Massakers, das die Polizei einem einzigen Täter, dem 28-jährigen Australier Brenton Tarrant, zuschreibt. 

Er soll die 6,5 Kilometer lange Strecke von der Al-Nur-Moschee am Hagley Park, wo er innerhalb von sechs Minuten 42 Menschen umbrachte, in rekordverdächtigen neun Minuten zurückgelegt haben. Ein zweiter, nördlich des Stadtzentrums festgenommener Mann, habe mit den Attentaten nichts zu tun, sagt Polizeichef Mike Bush. Zwei weitere Personen, die festgenommen wurden, sind bereits wieder auf freiem Fuß. Die Zahl der Toten musste auf 50 korrigiert werden, weil bei der Räumung der Glaubensstätte eine weitere Leiche gefunden wurde. 

Ein knallbuntes Blumenmeer inmitten der Tristesse

Die kleine halbrunde Ladenzeile an der Ecke mit der Cashel Street, auf der anderen Straßenseite, ist ein sauberer grauer Neubau – eine positive Folge des Erdbebens. Der einzige Farbklecks ist hier normalerweise die blau-orangefarbene Z-Tankstelle nebenan. Aber jetzt, ein knallbuntes Blumenmeer und Luftballons in der Tristesse. Trauer und Mitgefühl ausgedrückt in fröhlichen Farben. Rote Rosen, weiße Lilien, gelbe Sonnenblumen, weinrote Chrysanthemen, orangefarbene Gerbera. 

Dazwischen sitzen Bären, ein Schaf, ein Hund und ein Elch aus Plüsch, stecken Karten mit Botschaften wie: Akte des Hasses können nicht siegen, aber Akte der Güte. Und in der Maori- Sprache: Aroha Nui (Tiefe Liebe). Und überall: Kia kaha. Sei stark. Das ist der Sinnspruch, ja, die Motivation der Menschen in Christchurch seit dem vernichtenden Erdbeben im Februar 2011. Eine Trotzreaktion auf brutale Tiefschläge. Mitgefühl, weil die Menschen hier wissen, wie es ist, durch Gewalt, wenn auch eine Naturgewalt, Familienmitglieder und Freunde zu verlieren. 185 Menschen sind damals gestorben.

Sie sind seltsam, die Neuseeländer. Fremden gegenüber nicht immer aufgeschlossen, auch wenn es aufgrund ihrer Neugier und Gesprächigkeit so wirkt. Weil sich die Stimmen mehrten, es seien zu viele Ausländer, vor allem Asiaten/Chinesen, im Land, die Arbeitsplätze wegnehmen und Hauspreise in die Höhe treiben, hat die neue, von Labour angeführte Regierung unter Jacinda Ardern die Einwandererquote heimlich, still und leise um 500 pro Monat reduziert, obwohl die Wirtschaft dringend qualifizierte Arbeitskräfte braucht, um die Produktivität zu erhalten. 

Ausländern gegenüber nicht immer aufgeschlossen - aber bei Unglücken in Bestform

Obwohl jeder über 65, auch Millionäre, Anspruch auf eine steuerfinanzierte Staatsrente NZ Super hat, verweigert die Regierung Pensionären mit Beitragsrenten aus Übersee die vermeintlich universelle NZ Super oder einen Teil davon, „weil niemand bessergestellt sein soll als ein Neuseeländer“. Beim Zickenkrieg im Büro wird die deutsche Kollegin zum „Nazi“ und der neue deutsche Schulkamerad mit dem Hitlergruß begrüßt. 

Aber wenn jemand denselben Menschen Böses tut, Touristen das Auto knackt und ausräumt, jemandem das Haus abbrennt oder ihm ein anderes Unglück passiert, suchen Mitgefühl, Empathie und Hilfsbereitschaft der Leute ihresgleichen. „We are so sorry“, hat ein Kind auf ein Blatt Papier gekritzelt und mit Wasserfarben ein paar Blumen dazugemalt. Es tut uns so leid. Auf vielen Schildern steht: Das ist nicht Neuseeland. Das sind nicht wir. Jeder ist in Aotearoa (Neuseeland in der Maori-Sprache) willkommen. Eine Menschheit, eine Rasse, eine Einheit, eine Liebe.

Die halbe Nation kocht und backt für Pechvögel und Helfer, bietet gratis Kost und Logis an, spendet Trost und Geld. Bis gestern Abend waren auf zwei Spendenkonten für die Familien der Opfer der Terroranschläge insgesamt mehr als 5,7 Millionen NZ-Dollar (3,45 Mio. Euro) eingegangen. Nicht enden wollende Menschenströme bewegen sich mit Blumensträußen und handgeschriebenen Botschaften der Trauer und Solidarität auf Pappkartons und eingeschweißten Karten zur Rolleston Avenue, wo ein 100 Meter langes und drei Meter breites Blütenband vor dem Gitterzaun des Botanischen Gartens wortloses Mitgefühl und Fassungslosigkeit ausdrückt. 

Openair-Medienzentrum am Botanischen Garten

Am Straßenrand hat sich ein fast genauso langes TV-Medienzentrum etabliert. Während in Linwood lediglich ein Reporter der „Punjabi News“ und sein Turban tragender Kameramann berichten, stehen hier kleine Partyzelte, stapelweise Materialkoffer, Übertragungswagen, Reporter mit Mikrophonen und sämtliche Nachrichtenmoderatoren Neuseelands. Es ist fast kein Durchkommen auf dem Weg vor den wunderschön restaurierten neugotischen Gebäuden des Arts Centres und des Canterbury Museums.

Wer von hier quer durch den Botanischen Garten spaziert, am Krankenhaus vorbei, in dem die 36 Verletzten des Massakers behandelt werden, und dann noch über die Cricket-Plätze im südlichen Hagley Park, der erblickt die goldene Kuppel und das Minarett der Al-Nur-Moschee in der Deans Avenue, in der am Freitag der Horror begann. Tatort Nummer eins.

Da das Gebiet sehr weiträumig abgesperrt ist, wurde in 200 Meter Entfernung eine Verkehrsinsel am Brockworth Place zum Ablageort für Blumen eingerichtet, auch hier tummeln sich Journalisten aus dem Ausland, Kerzen brennen, Räucherstäbchen qualmen vor sich hin. 

Unter vielen Bäumen im Park liegen farbenfrohe Sträuße und sogar Legospielzeug in Gedenken an die ermordeten Kinder. Ein dreijähriger Junge aus Somalia, der, als alle um ihr Leben rannten, plötzlich von seinem wesentlich älteren Bruder getrennt wurde, ist vermutlich das jüngste Opfer. Viele Tote sind noch nicht einmal identifiziert, eine ganze Gruppe junger Leute sucht mit Fotos verzweifelt nach einem vermissten Freund. 

Behörden befolgen Vorschriften, Angehörige werden ungeduldig

Derweil wurden am Memorial Park Cemetery in Linwood die Gräber für die Ermordeten ausgehoben – aber erst gestern Abend wurde die erste Leiche zur Beerdigung freigegeben. Das ist erst möglich, wenn die Identifizierung hundertprozentig abgeschlossen ist. Es ist ein Dilemma für die Verantwortlichen, denn den Angehörigen kann es nicht schnell genug gehen, weil die Toten eigentlich innerhalb von 24 Stunden rituell gewaschen und bestattet werden sollen.

Rund 60 Meter Luftlinie von der Moschee entfernt sind die meisten muslimischen Bürger aus aller Herren Länder unter hohen Bäumen im Park versammelt, viele Frauen tragen Hidschabs, das traditionelle Kopftuch des Islam. Die Toten stammen aus Jordanien, Syrien, Afghanistan, Palästina, Somalia, Pakistan, Saudi-Arabien, der Türkei, Bangladesch, Malaysia, Indonesien, Indien und Fidschi – und fast alle waren Neuseeländer. 

Die Menschen umarmen einander, sprechen kaum, hin und wieder ein leises Schluchzen, ansonsten nur das Krächzen einer Elster und die peitschenartigen Laute des Absperrbands, an dem der kalte Herbstwind zerrt. 

Auch Jan McKeogh war hier. Die Lehrerin hat vielen Migranten und Flüchtlingen aus diesen Ländern Englisch beigebracht, das Leid und der Anblick der hin und her fahrenden Leichenwagen, sagt sie, „bricht mir das Herz“. Sollte der Attentäter geplant haben, die Menschen in Neuseeland zu entzweien, dann hat er das Gegenteil bewirkt. Wie zum Trotz hat die nepalesische Gemeinde ein Schild mit der Aufschrift aufgestellt: „Neuseeland ist immer noch das schönste Land der Welt.“ Kia kaha. 

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


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