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20.03. Rassismus in NZ

Der Selbstbetrug hinter der Fassade der heilen Welt
CHRISTCHURCH. Nennen wir ihn einfach Kevin. Englischer Name, deutsches Blut. Als Kevin sieben Jahre alt war, beschlossen seine Eltern, nach Neuseeland auszuwandern. Sie zogen in einen an einem See gelegenen Touristenort am Fuße der Südalpen. Nach ein paar Schultagen kam er nach Hause und fragte seine Eltern, was ein Nazi ist, weil ihn seine kleinen Klassenkameraden einen Nazi genannt hatten. 

Als Kevin vierzehn war, zog die Familie nach Christchurch, Kevin wurde in einer dieser vielen christlichen Schulen angemeldet, die St. (Sankt) Soundso heißen und Nächstenliebe predigen. Kevin wurde mit dem Hitlergruß begrüßt und jahrelang für sein Deutschsein traktiert, obwohl sein Englisch längst besser war als sein Deutsch. 

Die Eltern schrieben unzählige Briefe und Emails, sprachen mit Lehrern und Schulleiter, aber niemand unternahm einen ernsthaften Versuch, das Mobbing zu beenden und die schlimmsten Übeltäter zu bestrafen. 

Dennoch hat Kevin überlebt, auch wenn er oft ans Sterben dachte und seine Eltern anflehte, nach Deutschland zurückzukehren. Jetzt atmet er durch. Seine Schulzeit ist vorbei. Kevins Mutter ist bei Streitereien an verschiedenen Arbeitsplätzen mit ihrem starken deutschen Akzent ein Nazi geblieben.

"This is not us" - oder eben doch

„This is not us“, sagte Premierministerin Jacinda Ardern nach dem Terrorakt in Christchurch, bei dem ein rechtsradikaler Rassist in zwei Moscheen 50 Menschen umbrachte. Und es prangt auf Schildern und Karten in den Blumenmeeren in der Nähe der beiden muslimischen Glaubensstätten und vor dem Botanischen Garten. 

Es ist ein Hashtag in den sozialen Medien geworden: Das sind wir nicht. Wir sind nicht so. Schließlich war den Attentäter ein Australier, der vermutlich Neuseeland als Ziel wählte, weil hier die Waffengesetze so lax waren und auch Sicherheit nicht so groß geschrieben wurde wie in seinem Heimatland, das seit Jahren von islamistischen Gruppierungen in Atem gehalten wird. In Neuseeland konnte man vor den Anschlägen auch in Christchurch, wo zwischen 3.500 und 4.000 Mulime leben, ohne Handgepäck- und Personenkontrolle regionale Flüge in Turbo-Prop-Maschinen besteigen. Weil „wir“ eben nicht so sind.

Die ehemalige – von der Regierung eingesetzte – Beauftragte für Rassenbeziehungen, Susan Devoy, hat dafür nur ein bitteres Lachen übrig. „Es ist ein netter Slogan und bedeutet für viele Leute sehr viel“, sagte die ehemalige Squash-Weltmeisterin, die vor neun Monaten von ihrem Job zurücktrat, in einem Interview mit dem TV-Programm The Project, „aber die Wahrheit sieht anders aus.“ 

Die 55-jährige Devoy spricht von institutionellem Rassismus im Land, das heißt die Diskriminierung von Fremden wird als Normalität betrachtet und kommt sogar in Gesetzen zum Ausdruck. Wenn die schockierten, trauernden Menschen sagen: „This is not us“, sind sie zwar keine Mörder, leiden aber an gestörter Selbstwahrnehmung. Devoy weiß, wovon sie spricht.

Kampagne gegen Rassismus nach großer Umfrage

Sie erzählt von einer Kampagne vor einigen Jahren, die unter dem Titel „This is us“ – Das sind wir – lief. Dabei forderte das Büro für Rassenbeziehungen Migranten und Neuseeländer auf, über ihre Erfahrungen mit Rassismus zu berichten. Als Folge dieser Befragung wurde im vergangenen Jahr die Kampagne: „Give nothing to racism“ (Gib dem Rassismus keine Chance) gestartet, weil, so Devoy, „dringender Handlungsbedarf bestand“. 

Für die Regierung offenbar nicht: Sie hat den von Devoy geräumten Posten noch immer nicht neu besetzt. Nach dem Massenmord vom vergangenen Freitag werden zumindest die Muslime, die in Neuseeland rund ein Prozent der Bevölkerung von 4,9 Millionen ausmachen, auch ohne Vermittler gehört.

Zu den lauten Stimmen gehört Anjum Rahman vom Islamischen Frauenrat Neuseelands. Schon seit Jahren hätten sie die Regierung, mehrere Ministerien und sogar den Geheimdienst „auf den Druck hingewiesen, dem unsere Gemeinden durch die wachsende Diskriminierung in diesem Land“ ausgesetzt seien, und sie hätten ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, dass die höheren Sicherheitsanforderungen nicht mehr auf Freiwilligenbasis erfüllt werden könnten. „Wir haben gesagt, dass wir völlig erschöpft sind, mit all dem Gift und Hass in den sozialen Medien und auf Flugblättern, und wir haben auch die wachsende Gefahr von Rechtsextremisten angesprochen.“ 

Es kam zu einigen Treffen, die jedoch ohne sichtbare Resultate endeten. „Wir haben gebettelt, gefleht, gefordert“, sagt Rahman, „und jetzt möchte ich von allen, mit denen wir gesprochen haben, wissen, was sie getan haben.“ Susan Devoy kritisiert: „Es wurden viele Millionen Dollar in Sicherheit und Überwachung investiert, aber kein einziger Cent ging an die muslimische Gemeinschaft, um gegen den Missbrauch anzugehen, den sie erleiden.“ 

"Die Niedertracht unter dem Deckmantel der Anständigkeit"

Den Alltag der muslimischen Minderheit in Neuseeland beschreibt sie drastisch: „Während wir unseren Kindern morgens vor der Schule Butterbrote in die Lunchbox packen, bereiten meine muslimischen Freundinnen ihre Kinder auf den Hass vor, der ihnen entgegenschlägt, sobald sie das Haus verlassen.“ 

Diesen Alltag hat Shabnam Dastgheib in einem Beitrag für die Fairfax-Medien beschrieben. Im Iran aufgewachsen, zog sie mit ihren Eltern 1989 nach Christchurch, als sie fünf war. Sie erlebte die tägliche Fremdenfeindlichkeit in der zweitgrößten Stadt Neuseelands weitaus extremer als der eingangs erwähnte Kevin, denn aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe war sie leicht als Fremdling zu erkennen. 

 „Ich habe mit den paar anderen Migrantenkindern gespielt, weil mich die meisten anderen nicht akzeptierten“, schreibt sie. „Auf dem Spielplatz hörten sie auf zu spielen, wenn ich kam, und sagten: Das braune Mädchen ist da! In der Highschool war es noch schlimmer. Wo schnappen Kinder und Teenager solche Sprüche und Ausdrücke auf? Das haben die Eltern zu verantworten.“ Der Titel des Artikels lautet: „Die Niedertracht unter Neuseelands Deckmantel der Anständigkeit“.

Eine kleine Sammlung von Zeitungsausschnitten zum Thema zeigt regelmäßig wiederkehrenden Rassenhass. Ausraster beim Rugby, wo meistens dunkelhäutige Spieler aus Fidschi die Opfer sind, ob nun bei Ligaspielen oder wie im Juni 2016, als ein Schüler des Christ’s College in Christchurch einen Jungen aus Fidschi als „verdammte schwarze afrikanische Ratte“ beschimpft. 

Populisten schüren den Fremdenhass

Muslimische Mädchen und Asiaten erzählen, dass sie auf der Straße hin und wieder angespuckt werden. Populisten wie Don Brash, der ehemalige Vorsitzende der konservativen Nationalpartei (entspricht der CDU in Deutschland), finden es völlig in Ordnung, dass ausländische Hetzer unter dem Deckmantel der Redefreiheit rechtsradikale Hassreden halten dürfen. 

Der Vorsitzende von NZ First, Winston Peters, der jetzt als Außenminister im Kabinett von Labour-Chefin Ardern sitzt, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, jedes soziale Problem den Einwanderern und insbesondere den Chinesen in die Schuhe zu schieben.

Der 73-jährige Parlamentarier, derzeit auch stellvertretender Premierminister, sah Neuseeland schon vor langer Zeit auf dem Weg, eine asiatische Kolonie zu werden, und 2016 verstieg er sich zu der Aussage, mehr Einwanderer zu akzeptieren bedeutete, mehr Verbrecher ins Land zu lassen, obwohl Neuseeland restriktive Einwanderungsgesetze hat und ein Blick in die Kriminalstatistik das Gegenteil beweist. 

Vor der Wahl 2017 versprach der jetzige Justizminister Andrew Little, die Zahl der Einwanderer um viele Zehntausend zu verringern. Alles Aussagen, die das Gefühl in der Bevölkerung verstärken, „echte“ Neuseeländer seien bessere Menschen. Der Nationalstolz ist überbordend, der Spruch: „Ich bin stolz, ein Kiwi zu sein“, klingt einem ständig in den Ohren.

Neonazis schänden jüdische Friedhöfe

Die Aktivitäten von rechtsradikalen und -extremen Gruppierungen gehen natürlich weit über fremdenfeindliche Sprüche und sporadische Aufmärsche von Parteien wie der Nationalen Front und der Neuen Konservativen hinaus, und sie sind nicht nur gegen Muslime und andere leicht identifizierbare Opfer gerichtet. 

Mit unschöner Regelmäßigkeit schänden Neonazis jüdische Sektionen auf Friedhöfen, Grabsteine werden umgeworfen und mit Hakenkreuzen beschmiert. Vor 15 Jahren wurden in Makara bei Wellington nicht nur 95 Grabsteine beschädigt, sondern auch die Kapelle angezündet. Ein verurteilter rechtsextremistischer Brandbombenwerfer durfte drei Mal bei der Bürgermeisterwahl in Christchurch kandidieren. 

Hier ist es auch erst nach den Anschlägen in den Moscheen aufgefallen, dass die Fahrzeuge einer Firma, die Häuser isoliert, mit Nazi-Symbolen und der von Nazis benutzten Schrift beklebt sind: das Sonnenrad als Hasssymbol, die 88, die für „Heil Hitler“ steht, als Teil des Quadratmeterpreises, und die Abkürzung des Firmennamens war der Name von Barracken im Juden-Vernichtungslager Auschwitz. 

Facebook-Gruppe gegen die "muslimische Invasion"

Festgenommen und am Mittwoch vor Gericht angeklagt wurde der 44-jährige Besitzer jedoch nicht deshalb, sondern weil er das vom Attentäter auf Facebook gepostete Video im Internet weiterverbreitete. Eine Facebook-Gruppe, benannt nach den Gelbwesten in Frankreich, verlangt, sich der „muslimischen Invasion“ entgegenzustellen und den Islam in Neuseeland zu verbieten.

Die Existenz solcher Vereinigungen zeigt, dass Neuseeland in punkto Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht besser ist als andere Länder der Welt, aber bislang naiver und sorgloser damit umgegangen ist. Die isolierte Lage der Inselnation im Südpazifik hat sicherlich zu dieser Sorglosigkeit beigetragen. 

Der Horror von Christchurch hat die Einheimischen aus dem selbstgefälligen und selbstverliebten Tiefschlaf geweckt. „Nach diesen Ereignissen müssen wir uns mit allen Formen des Hasses in unserem Land beschäftigen und einen totalen Wandel vollziehen“, sagt Susan Devoy, „nur dann können wir sagen, dass wir stolz sind, ein Kiwi zu sein.“

(Copyright: Sissi Stein-Abel) 

 


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