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24.06. Deutscher Gartenchef

Der Mann für die Bewältigung der Trauer an der Mauer
CHRISTCHURCH. Blumenstäuße kompostieren, Trauer- und Gedenkkarten einsammeln, Transparente einlagern, Plüschtiere reinigen, regelmäßig mit der muslimischen Gemeinde kommunizieren: All das war so ziemlich das letzte, was sich Wolfgang Bopp als Teil seines neuen Jobs vorstellte, als er im vergangenen September die Stelle als Direktor des Botanischen Gartens in Christchurch antrat. 

Doch am Tag nach den Anschlägen auf zwei Moscheen in der zweitgrößten Stadt Neuseelands, bei denen 51 muslimische Glaubensangehörige starben, änderte sich seine Arbeitsplatzbeschreibung schlagartig. Die Menschen strömten in die Stadt und erkoren den Gitterzaun des Botanischen Gartens und den 200 Meter langen Rasenstreifen davor zur Trauermeile, und, sagt der 50-jährige Pfälzer, „ich war plötzlich zuständig dafür“.

Die Aufgaben wurden verteilt, um die Tribute in erster Linie sauber aufzureihen, „damit sie jeder vom Gehweg aus sehen konnte“, und später wegzuräumen. Eine Arbeit, die auch heute, mehr als drei Monate nach dem von einem australischen Rechtsextremisten begangenen Massaker, nicht abgeschlossen ist, auch wenn in der Zwischenzeit nur noch sehr wenig Blumen niedergelegt werden. 

Alle Bekundungen des Mitgefühls, sagt Bopp, „sollen eine Bedeutung behalten“. Sogar die verwelkten Blumen leben weiter, als Kompost. „In drei Monaten ist er fertig und wir übergeben ihn dann der muslimischen Gemeinde.“ Papierhüllen und Zellophanhüllen wurden zugunsten einer Aktion namens „Seeds of Love“ (Samen der Liebe) geschreddert, eingeweicht und mit Pflanzensamen vermischt, um später neue Blumenmeere wachsen zu lassen. „Schriftliche Sachen haben wir in Kartons gepackt und eingelagert, und wir haben fünf riesige Säcke Plüschtiere eingesammelt, gewaschen und am Ende des Ramadan den muslimischen Kindern gegeben“, erzählt Bopp. „Ich will nicht in zwei, drei Jahren dasitzen und sagen: Hätten wir doch bloß… Leider ist dieses Massaker Teil unserer Geschichte geworden, und wir ehren, was die Leute getan haben.“ 

Zurück zur Kernarbeit als Direktor des Botanischen Gartens

Nach dem Höhepunkt dieser unerwarteten Zusatzbelastung hat Wolfgang Bopp, der aus der 5000-Einwohner-Gemeinde Waldsee im Kreis Ludwigshafen stammt, wieder Zeit, sich um die Kernarbeit als Direktor des Botanischen Gartens zu kümmern; dazu zählen auch Mona Vale, ein wunderschöner kleiner Park im Stadtteil Fendalton, und die Grünflächen im Stadtzentrum. „Jeder liebt den Garten, und viele Leute gehen hin, weil er mitten in der Stadt liegt und leicht zugänglich ist, so was ist selten“, sagt er, „deshalb muss man am Anfang sehr vorsichtig sein und nicht Veränderungen um der Veränderung willen vornehmen. Ich lasse beispielsweise in den ersten drei, vier Monaten keinen Baum fällen. Erst muss man die Mitarbeiter, die Stadt und die Leute in der Verwaltung kennenlernen, herausfinden: Was läuft wie? Ich weiß jetzt, dass Christchurch keine Revolution möchte, sondern nur eine stille Weiterentwicklung.“ 

Dennoch hat Wolfgang Bopp, der zum Interview mit Blüten des gelben Winterjasmins am Revers erscheint, einige Projekte im Kopf, die er in den nächsten zehn Jahren umsetzen möchte, um das nächste Kapitel der vom mäandernden Flüsschen Avon umschlossenen 21 Hektar (210.000 Quadratmeter) großen Anlage zu schreiben. „Hier“, sagt er, „habe ich die Möglichkeit, das umzusetzen, was ich in über 30 Jahren gelernt habe.“ 

In erster Linie war’s nämlich der Reiz des Neuen, der ihn ans andere Ende der Welt gelockt hat. Das ist eine echte Herausforderung, denn Neuseelands Flora ist einzigartig. Tausende Pflanzen gondwanischen Ursprungs gibt es nur hier, inklusive 80 Prozent der 2.500 einheimischen Koniferen, Laubbäume und Farne.

Wissen und Lernwilligkeit gefragt

Da ist von dem renommierten Direktor nicht nur Wissen gefragt, sondern auch Lernen erforderlich. „Ich bin hier natürlich sehr stark auf meine Kollegen angewiesen, die zum Glück Spezialisten und sehr gut sind, aber die wesentlichen Bäume im Neuseeland-Garten, der ja fast wie ein Naturstandort ist, erkenne ich schon, den Rest kenne ich aus Europa“, sagt Bopp, der seit seinem Studium an den berühmten Royal Botanic Gardens (Kew) im Londoner Vorort Richmond durchgehend in Großbritannien gelebt hat und zugibt, dass ihm Englisch längst leichter von der Zunge geht als Deutsch.

Kein Wunder, denn er hat nicht nur 28 Jahre im Vereinigten Königreich gearbeitet und an der Gestaltung des ersten Botanischen Gartens von Wales in Cardiff mitgewirkt, sondern ist seit knapp 20 Jahren auch mit einer Britin verheiratet. Seine Frau, die Botanikerin Janet Cubey, war für die Wettbewerbsjury der weltberühmten „Chelsea Flower Show“ zuständig, Wolfgang Bopp Teil der Jury. 

Jetzt arbeitet Janet Cubey, die er einst in den Ness Botanic Gardens bei Liverpool kennenlernte, zwei Tage in der Woche für die Royal Horticultural Society (RHS), die Königliche Gartenbau-Gesellschaft, „das kann sie auch im Homeoffice in Neuseeland erledigen“. Wolfgang Bopps Büro liegt mitten im Botanischen Garten, in Richtung Westen geht der Blick zum alteuropäischen Rosengarten, und gleich dahinter befindet sich das Dickicht des wilden Neuseeland-Habitats. Die perfekte Mischung für einen Neuankömmling.



STECKBRIEF WOLFGANG BOPP

Wolfgang Bopp, 50, geboren in Mannheim und aufgewachsen in Waldsee (zwischen Ludwigshafen und Speyer) ging nach einer Ausbildung bei der BASF 1991 nach England und absolvierte ein dreijähriges Diplomstudium an den Royal Botanic Gardens (Kew). Nach einem halbjährigen Job am World Conservation Monitoring Centre in Cambridge wechselte er als stellvertretender Kurator (zuständig für Gewächshäuser, Versuchswesen und Studenten) zu den Ness Botanic Gardens bei Liverpool. 

1998 trat er seine Stelle als Kurator des neugegründeten Botanischen Gartens von Wales in Cardiff an. Mitte 2004 wurde er Direktor des Sir Harold Hillier Gardens in Hampshire, in der Nähe von Winchester. Im September 2018 begann er seine Arbeit als Direktor des Botanischen Gartens in Christchurch, Neuseeland. Seit 20 Jahren ist Bopp mit der Botanikerin Janet Cubey verheiratet. Er hat zwei Brüder, seine Mutter lebt noch in Waldsee.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

Wolfgang Bopp ist seit 
September 2018 Direktor des Botanischen Gartens in Christchurch. Der Silberfarn, erkennbar an den silberweißen Unterseiten der Blätter, ist eines der Symbole Neuseelands.

Alle Fotos (Copyright): 
Sissi Stein-Abel

Foto links: Reste der Trauerbekundungen an der Mauer des Botanischen Gartens an der Rolleston Avenue im Juni 2019.




















Foto links: Wolfgang Bopp an der Peacock Fountain, die am Haupteingang des Botanischen Gartens in Christchurch steht. Der Brunnen ist benannt nach einem Mann namens John Peacock - deshalb sind keine "peacocks" (Pfauen) zu sehen. Im Hintergrund das Arts Centre.
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