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25.02. Schafschererinnen

Die gebeugten Frauen sind auf dem Vormarsch
CHRISTCHURCH. Es ist ein kalter, regnerischer Tag mitten im neuseeländischen Sommer. Die Zuschauer auf und vor der kleinen Tribüne in der zugigen Scheune der Farmersfamilie Ewing in Hinds, 100 Kilometer südwestlich von Christchurch, frieren vor sich hin. Sie sind gekommen, um die Veteranen der Schafschur, die meisten über fünfzig, beim Wettscheren für einen wohltätigen Zweck anzufeuern. 

Die rund 50 Männer und Frauen auf der Bühne – immer acht gleichzeitig für jeweils eine halbe Stunde – spüren die Kälte nicht, obwohl sie nur ärmellose Trikots tragen. Der Schweiß trieft ihnen von der Stirn. Schafscheren ist Knochenarbeit. Profis, die an Weltmeisterschaften und Wettkämpfen wie den „Golden Shears“ in Masterton (28. Februar bis 2. März) nördlich von Neuseelands Hauptstadt Wellington, der weltweit prestigeträchtigsten Veranstaltung, teilnehmen, betreiben Hochleistungssport. Wer 300 Schafe an einem Acht-Stunden-Arbeitstag schert, verbrennt so viel Energie wie ein flotter Marathonläufer; wer auf Weltrekordjagd geht, gut doppelt so viel.

Immer mehr Frauen drängen in den Beruf, der in Neuseeland so angesehen ist, dass der fünffache Weltmeister David Fagan 2016, ein Jahr nach seinem Rücktritt, für seine Verdienste um die Schafschur zum Ritter geschlagen wurde. Doch auch als Sir David ist der 58-jährige Farmer aus Te Kuiti, der während seiner langen Karriere zehn Weltrekorde aufstellte und die „Golden Shears“ 16 Mal gewann, nur einer von vier Dutzend Scherern, die in Hinds innerhalb von acht Stunden 3.000 Lämmer vom Fell befreit haben. 

Eve Peddie (Foto links) ist eine der jungen Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit Schafscheren bestreiten. Sie arbeitet in der Heimat und im Ausland - Australien, Italien, USA. Da die Zahl der Tiere in Neuseeland, wo es 1982 noch 70 Millionen Schafe gab, auf 27 Millionen gesunken ist, dürfen die Scherer nicht ortsgebunden sein, wenn sie gutes Geld verdienen wollen. Bezahlt wird pro geschorenem Schaf. 1,20 Euro gibt’s in Neuseeland, in Australien fast zwei Euro. Die besten Akkordarbeiter der Branche kommen auf 90.000 Euro im Jahr. Sie sind nicht als Einzelkämpfer unterwegs, sondern in Gruppen (gangs), zu denen auch die sogenannten Woolhandlers gehören, die vor der Bühne in Windeseile die gescherte Wolle sortieren, klassifizieren und in Säcken verstauen.

So hat auch Eve Peddie begonnen, ehe sie vor viereinhalb Jahren zum Scheren wechselte. „In den letzten zwei Jahren hat sich die Zahl der Frauen in diesem Job verdoppelt“, sagt die 32-Jährige aus dem Städtchen Oxford nahe Christchurch, „wenn die Mädels bei Wettbewerben immer mehr Frauen sehen, sagen sie sich, das können sie auch, und fangen damit an.“ 

Gute Technik ist das A und O, denn es gilt, das Tier mit der elektrischen Handschermaschine nicht zu verletzen. Dabei muss man den Vierbeiner mit Händen, Armen und Beinen so in die Zange nehmen, dass er nicht davonläuft. Eigentlich bräuchte man drei Hände, um den Job perfekt auszuführen. „Wer den Kopf des Schafs unter Kontrolle hat, hat das Tier unter Kontrolle“, nennt der ehemalige Ausbilder Robert McLaren das Geheimnis der gewaltfreien Schur, „starke Männer gleichen technische Defizite mit Kraft aus.“ 

Wer jedoch unsauber rasiert oder die Tiere gar schneidet, bekommt bei Wettkämpfen Abzüge. Dank ihres guten Handlings ist es der mittlerweile 59 Jahre alten Ex-Weltrekordlerin Jills Angus Burney 1988 in Wales als einziger Frau gelungen, in einem Wettkampf David Fagan hinter sich zu lassen. Der Normalfall ist es nicht. „Die Hormone setzen natürliche Grenzen“, sagt McLaren, „eine Frau rennt ja auch nicht schneller als Usain Bolt.“

Obwohl es gelegentlich getrennte Wettbewerbe gibt, haben die Frauen in Neuseeland kein Interesse daran. „Wir brauchen keine Sonderbehandlung, weder im Sport noch im Job“, sagt Angus Burney, eine der fünf Hauptdarstellerinnen in der im vergangenen Oktober veröffentlichten Filmdokumentation „She Shears“ über das Leben und die Leidenschaften schafscherender Frauen, „deine Arbeit spricht für sich.“ 

Sie verweist auf Emily Welch, die bei den „Golden Shears“ in der offenen Klasse schon mal den zweiten Platz belegte. Welch, die 2007 Angus Burneys Weltrekord (614) auf 648 Lämmer in neun Stunden verbesserte, sagt: „Ich habe es nie als Kampf von Männern gegen Frauen betrachtet, sondern von Wettkämpfer gegen Wettkämpfer.“ 

Die einzigen, die hin und wieder Probleme mit gemischten Feldern haben, sind Männer. „Manche tun sich schwer damit, wenn sie gegen eine Frau verlieren“, sagt Angus Burney, die auf Anraten ihres Orthopäden ihre Profikarriere schon mit 32 Jahren beendete und nach Studien in Sozialwissenschaft und Jura Anwältin wurde. Aber die Leidenschaft für die Schererei steckt in ihr. Sie hat selbst einige Schafe, schert auch die Tiere ihrer Freunde und bei Veranstaltungen wie in Hinds. Mit ihren geschmeidigen, runden Bewegungen ist sie auch als Hobbyschererin noch immer ein Vorbild. Bei Wettbewerben wirkt sie als Jurorin mit.

Diese Begeisterung lässt auch die 64-jährige Marg Baynes, die mit 13 Jahren ihr erstes Schaf schor, noch immer zum Schneidegerät greifen. „Als ich auftauchte, war das eine Sensation“, erzählt sie, „und nur weil mein Mann immer da war, konnte ich den Beruf ausüben. Für eine Frau, die eine Familie haben will, ist es ein ganz, ganz schwieriges Metier, denn man ist immer unterwegs, und Feierabend ist erst, wenn man seine Ausrüstung gerichtet und die Klamotten gewaschen hat.“ 

Zusammen mit ihrer Tochter Ingrid schor die Farmerin aus Wairoa vor einigen Jahren in acht Stunden 903 Schafe, das war Weltrekord im Paarscheren. Mit Krafttraining im Fitnessstudio, Joggen und Schwimmen brachte sich das Duo damals in Topform. „Aber wenn man voll im Beruf arbeitet, braucht man kein zusätzliches Training“, sagt Tom Wilson, Weltmeister 1984 für Schottland und jetzt Trainer in Neuseeland.

Die meisten Frauen sind klein, schlank, fast zierlich, aber drahtig. „Dank“ der ungesunden Haltung – vornübergebeugt mit nur leicht gebeugten Knien – haben sie Bauch-, Rücken- und Oberschenkelmuskeln aus Stahl. Stretching, auch Yoga, sind unerlässlich, um Verletzungen vorzubeugen. Doch Tritte von zappelnden Schafen sind ebenso wenig zu vermeiden wie ein gelegentlicher Schnitt in die Hand. Eve Peddie erzählt, dass ihr Knie zwickt und sie schon mehrere Operationen an der Handwurzel (Karpaltunnelsyndrom) hinter sich hat. Neben dem körperlichen Verschleiß ist auch die mentale Beanspruchung enorm. „Man muss stundenlang hochkonzentriert sein“, sagt Peddie, „denn man will ja kein Schaf verletzen.“ 

Die Lämmer hier in Hinds haben wochenlang auf trockenen, windigen Weiden gegrast, ihr Fell ist braun von aufgewirbeltem Erdboden. Staubwolken steigen in die Luft, wenn sich die Kämme der elektrischen Handschergeräte durchs Fell graben. Das Surren der Motoren und laute Popmusik dröhnen um die Wette. Das eine Lamm rutscht nach der Schur auf einer abschüssigen Schräge ins Freie, das nächste wird durch eine Schwingtür auf die Bühne gezogen. 400 Mal am Tag dieselbe Prozedur. „Aber das schaffe ich nicht jeden Tag“, sagt Eve Peddie, „und länger als 15 Jahre kann ich das bestimmt nicht machen.“ 

(Copyright: Sissi Stein-Abel)




Jills Angus Burney

Copyright alle Fotos: 
Sissi Stein-Abel




WELTREKORDE

Weltrekorde sind nach Schafrassen und -größe unterteilt, da manche Wollarten, je nachdem, wie dünn, dick, lang oder kurz die Fasern sind, einfacher als andere zu scheren sind. Die größte Herausforderung sind Merinos aufgrund ihrer vielen großen Hautfalten. Die bevorzugte Rasse beim Wettkampfscheren sind die vielseitigen und robusten Romney. 

Den Einzel-Weltrekord hält der Neuseeländer Rowland Smith, der 2017 in acht Stunden 644 Mutterschafe schor; das entspricht einem Schnitt von 44,7 Sekunden pro Tier. Ivan Scott rasierte im selben Zeitraum sogar 744 Lämmer (Schnitt: 38,7 Sekunden). 

Den Frauen-Weltrekord in der Lämmer-Klasse hält Kerri-Jo Te Huia mit 507 geschorenen Tieren (Schnitt: 56,8 Sekunden). In neun Stunden schor Te Huia auch 452 Mutterschafe. Hier steht der Männer-Weltrekord bei 731 (Matthew Smith).


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