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29.03. Trauer und Realität

Der Traum eines Witwers von der Macht der Liebe
CHRISTCHURCH. Farid Ahmed trägt eine Sonnenbrille, weil die Sonne scheint, nicht, um Trauer und Tränen zu verbergen. Hinter den dunklen Gläsern sieht man zwar seine Augen nicht, aber sie müssen leuchten, weil sein ganzes Gesicht strahlt. Er sieht glücklich aus und spricht von Liebe und Vergebung für den Mann, der gerade seine Frau umgebracht hat. 

Husna Ahmed, mit der er 24 Jahre verheiratet war, ist eines der 50 muslimischen Opfer, die bei den Terrorattacken eines rechtsextremen Fanatikers auf zwei Moscheen in Christchurch am 15. März ums Leben gekommen sind. Farid Ahmed, der seit sechs Jahren, als ein betrunkener Autofahrer in ihn raste, im Rollstuhl sitzt, konnte sich trotz seiner Behinderung in Sicherheit bringen. Als seine Frau zurück in die Al-Nur-Moschee rannte, um nach ihm zu schauen, wurde sie erschossen. 

Und nun, zwei Wochen später, sitzt er bei der nationalen Gedenkfeier zu Ehren der ermordeten Muslime im Hagley Park auf der Bühne und strahlt Glück, Zufriedenheit und eine innere Ruhe aus, die zunächst unfassbar scheint, aber mit jedem Wort, das er sagt, verständlicher wird. 

„Ich möchte kein Herz haben, das brodelt wie ein Vulkan“, sagt Farid Ahmed, der seit 31 Jahren in Neuseeland lebt, „ein Vulkan hat keinen Frieden, sondern Hass. Er verbrennt sich selbst von innen und alles um sich herum. Ich glaube, niemand möchte solch ein Herz haben. Ich möchte ein Herz voller Liebe, Fürsorge und Barmherzigkeit haben, das großzügig verzeiht.“ Deshalb habe er dem 28-jährigen Angreifer vergeben. Der Koran lehre, „dass er uns liebt, wenn wir ihm vergeben“.

"Wir sind doch alle Brüder und Schwestern, eine große Familie"

Er könne zwar nicht gutheißen, was der Attentäter getan habe, aber er könne ihn nicht hassen, sagt der aus Bangladesch stammende Mann, der einen schwarzen Gebetshut und darüber ein schwarz-weißes Kopftuch trägt, und erklärt: „Wir sind doch alle Menschen mit derselben Abstammung, wir sind Brüder und Schwestern, eine große Familie, ungeachtet von Rasse, Religion und Kultur – und wir alle wollen Frieden. Dazu müssen wir als erstes unser eigenes Herz reinigen. Wenn unser Herz voller Liebe ist, beginnt der Frieden genau dort.“ Die Gedenkfeier, die in zahlreichen Städten Neuseelands an öffentlichen Plätzen live übertragen wird, steht unter dem Motto: „Wir sind eins“.

Wenn es mit dem Frieden nur so einfach wäre. Noch immer herrscht Alarmstufe Rot in Christchurch, auch wenn ein Polizeisprecher sagte, es gebe „keine Informationen, dass eine spezifische Gefahr für die allgemeine Öffentlichkeit besteht“. Allerorten bewachen mit Bushmaster-Sturmgewehren bewaffenete Polizisten neuralgische Punkte, wie auch vor Moscheen und anderen muslimischen Einrichtungen im ganzen Land. Es wird noch Wochen dauern, bis die Polizeipräsenz heruntergefahren wird. 

Noch immer gibt es Hausdurchsuchungen und Festnahmen. In dieser Woche brachte sich ein ehemaliger russischer Soldat, der in der Vergangenheit mit Waffenspielen, Attacken gegen Polizisten und seinen Nazi-Memorabilien aufgefallen war, nach mehrstündigen Verhandlungen mit der Polizei in St. Martins, einem Stadtteil von Christchurch, um. Mehrere Personen, die das in Neuseeland mittlerweile verbotene Manifest des Attentäters und das Video der Attacke verbreitet hatten, müssen sich vor Gericht verantworten, einige sitzen sogar in Haft. 

Eine Herausforderung für die Sicherheitskräfte

Die Gedenkfeier, zu der Zehntausende in den mitten in der Stadt liegenden Hagley Park strömten, wurde zu einer Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Zur Verstärkung und zum Schutz der mehr als 100 Würdenträger aus 59 Ländern, darunter Australiens Premierminister Scott Morrison, wurden Scharfschützen und Sondereinheiten aus Australien eingeflogen. 

Das Gebiet wurde weiträumig abgesperrt, quergestellte Busse riegelten die Zufahrtsstraßen ab, überall blinkt das rote und blaue Warnlicht auf Polizeifahrzeugen. Schon vor Tagesanbruch kreiste ein Hubschrauber rund um den mehrfach eingezäunten Park. Die Trauergäste mussten riesige Umwege zu Fuß gehen, um über die wenigen Zugangspunkte in die grüne Lunge der zweitgrößten Stadt Neuseelands zu gelangen. Bombenspürhunde schnüffelten an Taschen und Kameraausrüstungen. 

Das Thema des Friedens und der Liebe zog sich durch sämtliche Reden, die Solidarität der Neuseeländer mit der attackierten Minderheit. Aber keiner erhielt solchen Applaus und andauernde stehende Ovationen wie Premierministerin Jacinda Ardern, auch nicht der aus England eingeflogene Popstar Cat Stevens alias Yusuf Islam, der 1977 zum Islam konvertierte. Der mittlerweile Siebzigjährige sang sein berühmtes Lied vom „Peace Train“, dem Zug des Friedens, und „Don’t be shy“, und er fragte: „Vor wie langer Zeit ist dieser Zug des Friedens abgefahren?“

Premierministerin Arderns Aufstieg zur Volksheldin

Die zur Volksheldin aufgestiegene Politikerin hat in der Zeit der Krise tatsächlich nichts falsch gemacht. Bevor sie überhaupt einen Ton sagen konnte, erntete sie Jubelstürme und am Ende ihrer Rede auch noch Bravo-Rufe und Pfiffe der Begeisterung. Die 38-jährige Regierungschefin demonstrierte im Angesicht des Terrors herausragende Führungsqualitäten und Menschlichkeit.

Ihr Mitgefühl mit den Opfern und der Schmerz, der ihr in den Tagen nach dem Massaker ins Gesicht geschrieben stand, waren nicht aufgesetzt. Das Bild, auf dem sie einen goldverbrämten schwarzen Hidschab trägt und eine muslimische Frau umarmt, zierte den Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt, in Dubai. Es laufen Petitionen, Ardern für ihre würdevolle Rolle den Friedensnobelpreis zu verleihen. Unzählige Normalbürger und Prominente, die mit den Sozialdemokraten noch nie etwas am Hut hatten, haben angekündigt, die Labour-Partei zu wählen, solange Ardern ihr vorsteht. 

Die Labour-Vorsitzende hat dank ihrer Wärme und Nächstenliebe den Aufstieg zu einem Weltstar der Politik geschafft. Die innenpolitischen Stolperer, gescheiterten Projekte und vergessenen Versprechen aus der Zeit in der Opposition sind – zumindest vorübergehend – zu Petitessen verkommen. Auf der Weltbühne, umrahmt von Machos wie Donald Trump und Wladimir Putin, wirkt die erst seit eineinhalb Jahren amtierende Regierungschefin wie ein Symbol der Hoffnung auf eine bessere Welt. 

"Ohne ihren Heiligenschein ist Jacinda Ardern auch nur ganz gewöhnlich"

Dabei hinkt Neuseeland, das nach neuesten Schätzungen des statistischen Amtes 4,95 Millionen Einwohner hat, in punkto Schutz und Aufnahme von Flüchtlingen hinter vielen anderen Ländern her. Die Aufnahmequote wurde zwar auf jährlich 1500 erhöht, gilt aber erst ab 2020. „Das ist pro Kopf nur halb so viel wie in Australien, es ist nicht viel mehr als eine Geste“, rechnet die Tageszeitung The Australian vor und kommt zu dem provokativen Schluss: „Ohne ihren Heiligenschein ist Jacinda Ardern auch nur ganz gewöhnlich.“ 

Aber sie ist eine großartige Rednerin. Sie wählte die Worte in ihrer faszinierenden Rede so klug, dass man den Eindruck gewinnen konnte, in Neuseeland gäbe es keinen Rassismus. Keine Übergriffe auf Muslime und Asiaten, keine Benachteiligung der „braunen Menschen“, nämlich der eigenen Maori und der vielen Einwanderer oder Zweitgenerationen-Bevölkerung von den südpazifischen Inseln, kein Mobbing gegen Deutsche („Nazis“), Briten („Poms“) oder woher auch immer die Menschen kommen, die anders aussehen, sprechen oder denken.

Auch innerhalb der bikulturellen Nation wachsen die Spannungen, weil die weiße Bevölkerungsmehrheit (Pakeha) findet, dass die seit 800 Jahren in Neuseeland lebenden Maori immer mehr Sonderrechte bekommen, ganz besonders unter Arderns Labour-geführter Regierung, während viele Maori sofort: „Rassismus“, rufen, wenn ihnen ein Privileg verweigert wird. Die überwältigend negative Kriminalstatistik – 50 Prozent der Gefängnisinsassen, aber nur 15 Prozent der Bevölkerung – führen die Maori auf „ethnisches Profiling“, also Diskriminierung aufgrund ihrer Rasse, durch die Polizei zurück.

Das beherrschende Maori-Element

Die gestrige Gedenkfeier war jedoch, wie jede offizielle Veranstaltung hierzulande, stark vom Maori-Element geprägt, denn ihre Kultur und die ostpazifische Sprache, die nur 25 Prozent der Maori selbst flüssig sprechen, unterstreichen die Einzigartigkeit der Nation, nicht die vielgepriesene multinationale Gesellschaft mit ihren 200 Ethnien. „Rassismus existiert, aber er ist hier nicht willkommen“, sagte die Premierministerin, und das klang so wie: Er existiert woanders, aber nicht hier, zumal der Attentäter ja ein Australier ist. 

Aber sie sagte es zwischen den Zeilen: „Die Herausforderung jetzt ist, täglich das Beste aus uns herauszuholen, denn wir sind nicht immun gegen den Virus des Hasses und der Angst vor anderen. Aber wir können die Nation sein, die das Heilmittel dafür findet. Lasst uns die Nation sein, die so ist, wie wir sein möchten. Jeder Einzelne von uns hat es in der Hand, mit unseren Worten und unseren Taten.“ Mehr tun als nur Blumen niederlegen, trauern, helfen und Seite an Seite stehen, wenn solch ein unfassbarer Akt der Barbarei wie in Christchurch passiert. 

Die große Frage: Hat der Ausnahmezustand Langzeitwirkung?

Anu Kaloti, die Organisatorin eines Solidaritätsmarsches in Auckland, hat es drastischer formuliert: „Ich finde es schlimm, dass es 50 Leben gekostet hat, um alle in diesem Land aufzuwecken. Es war ein tragischer Weckruf. Neuseeland muss etwas tun, um sein Versagen im Kampf gegen den Rassismus aufzuarbeiten.“ 

Viele Menschen sind in sich gegangen; so manch einer hat sich für rassistische Kommentare in der Vergangenheit öffentlich entschuldigt. Schulkinder, von denen einige Klassenkameraden begraben mussten, haben fürs Leben gelernt. 

Die Frage ist nur, ob der Ausnahmezustand Langzeitwirkung hat und zur neuen Normalität wird oder ob die guten Vorsätze vom engeren Miteinander irgendwann im Sande verlaufen, so wie nach dem Erdbeben vor acht Jahren. Denn der Alltag kehrt unweigerlich zurück. Die beiden Moscheen sind repariert und renoviert, die Einschusslöcher mit Gips gefüllt, die Wände frisch gestrichen, die blutgetränkten Bodenbeläge durch neue ersetzt, und die Blumenmeere an den Gedenkmeilen verwelken.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)



Die Aufarbeitung der Anschläge von Christchurch
Untersuchungsausschuss, schnelle Gesetzesänderungen und unvollständige Zensur

Noch steht die Trauer um die 50 Opfer der Attentate von Christchurch im Vordergrund, ebenso wie das erschütterte Selbstverständnis einer friedlichen Nation am anderen Ende der Welt. Aber politische und sicherheitspolitische Aufarbeitung der Ereignisse hat begonnen. Dabei stehen viele Fragen im Raum. 

Dabei soll ein offizieller Untersuchungsausschuss (Royal Commission of Inquiry) klären, ob der Anschlag hätte verhindert werden können und ob der Geheimdienst und die Sicherheitsbehörden versagt haben. „Auch ich habe Fragen gestellt und ich möchte sie beantwortet haben“, sagte Premierministerin Jacinda Ardern. „Im Mittelpunkt steht die Frage, ob unsere Überwachungsorgane ihre Ressourcen in angemessener Weise genutzt haben und ob es irgendwelche Meldungen gab, die sie in Alarmbereitschaft hätten versetzen können oder müssen. Ich möchte Vorschläge, wie solche Attacken in Zukunft verhindert werden können.“ 

Die Frage, wie schnell entsprechende Gesetze in Kraft gesetzt werden, hat die Regierung bereits beantwortet: Schnell geht’s nur im Katastrophenfall, so wie bei der vorher jahrzehntelang diskutierten Verschärfung des Waffengesetzes, das unter dem Schock des Massakers überparteilich innerhalb weniger Tage verabschiedet wurde. 

Im Ausland dafür gefeiert, hatten die wechselnden Regierungen jahrzehntelang darüber diskutiert und die Vorschläge und Gesetzentwürfe unter dem Druck der Waffenlobby begraben. Unter Arderns Führung wurde sogar die Möglichkeit geschaffen, einen Waffenschein online zu beantragen.

Ruckzuck ging’s auch mit dem Verbot durch den Chefzensor der Nation, das 74-seitige Manifest des Attentäters zu besitzen und zu verbreiten, während man Hitlers „Mein Kampf“ noch immer in Buchhandlungen kaufen kann. Die Verbreitung des Videos des Attentäters von den Anschlägen wurde unter Strafe gestellt, es hat bereits einige Anklagen und Verhaftungen gegeben.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

Die Rückkehr des Alltags in den Medien

Während in ganz Neuseeland und natürlich ganz besonders in Christchurch noch die höchste Gefahrenstufe herrscht, endete der Ausnahmezustand in den Medien der Nation elf Tage nach den Anschlägen auf die Moscheen. 

Eine Wetterbombe an der Westküste der Südinsel, wo der Notstand ausgerufen wurde, verdrängte die Berichte über den Massenmord in Christchurch am Dienstag (26. März)  als Aufmacherthema in den Fernsehnachrichten und tags darauf auch auf der Titelseite der in Christchurch erscheinenden Tageszeitung The Press, die der Tragödie in den muslimischen Glaubensstätten nur noch zwei volle Seiten widmete. 

Sintflutartiger Regen hatte den Waiho River am Dienstag in einen reißenden Strom verwandelt, die wütenden Fluten transportierten große Felsbrocken meerwärts und schleuderten sie mit solcher Wucht gegen die Stützpfeiler der Brücke südlich der Gemeinde Franz Josef Glacier, dass die Brücke einstürzte. 

Damit war die einzige Nord-Süd-Route – der Highway 6 - an der langen, schmalen Westküste gekappt, hunderte Reisende saßen in dem Ort fest, der dank des bis in den Regenwald hinunterreichenden gleichnamigen Gletschers ein Touristenmekka ist. 

Weiter nördlich, in Hokitika, liefen Häuser mit Wasser voll, eine Frau ertrank. Weiter drunten im Süden, in Haast, wurden Urlauber und einige Einheimische, deren Grundstücke überflutet waren, in der Gemeindehalle untergebracht und warteten auf das Ende des Regens.

Solche Launen der Natur sind in Neuseeland Normalität. Für den Einzelnen, dessen Haus unter Wasser steht, mag solch ein Ereignis schlimm sein, aber als Katastrophe zählt solch ein Notstand nicht, anders als vernichtende Erdbeben wie am 22. Februar 2011 in Christchurch oder am 14. November 2017 in Kaikoura. 

Insofern gesehen fühlte sich die Berichterstattung über den 36-stündigen Sturm und die Verurteilung eines Serienvergewaltigers und Mörders zu lebenslanger Haft ein bisschen an wie die Rückkehr zum Alltag – der mit der nationalen Gedenkfeier gestern im völlig abgeriegelten Hagley Park wieder für einige Stunden unterbrochen wurde.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

 

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