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03.06. Danny Clark heute

Radsport ist noch immer das Leben des 
einstigen Sechstage-Königs
Es ist wie früher. Danny Clark hat Schmerzen. Diesmal war’s ein Crash mit einer Radfahrerin, die, ohne zu bremsen, aus einer Seitenstraße schoss und mit voller Wucht in das Rennrad des einstigen Königs der Sechstage-Bahnen krachte. Krankenhaus, Operation, vier der fünf gebrochenen Rippen mussten mit Metallplatten fixiert werden. Das war im April. „Es tut weh und heilt sehr langsam“, sagt der Australier, der auch jetzt mit 68 Jahren noch immer für seinen Sport brennt: „Ich habe noch immer dieselbe Mentalität, trainiere jeden Tag wie ein Profi.“ 

Fünf bis sechs Mal in der Woche spult er 90 bis 100 Kilometer ab, geht zwei Mal in den Kraftraum. Kein Wunder, dass der Mann, der im Laufe seiner 22 Jahre währenden Karriere bei so vielen Sixdays im Sattel saß wie kein anderer – nämlich 235 Mal – und 74 Siege einfuhr, noch dieselbe drahtige Figur hat wie am Valentinstag 1997, als er mit 45 Jahren in Stuttgart seine Karriere beendete. 

Normalerweise würde er um diese Zeit wie jedes Jahr die Koffer packen und für drei, vier Monate nach Norditalien fliegen, in Forli, 70 Kilometer südwestlich von Bologna, Quartier beziehen, bei allen wichtigen Senioren-Rennen in Europa und bei den Weltmeisterschaften antreten; 18 Titel hat er schon gesammelt, „fünf oder sechs“ auf der Straße, den Rest auf der Bahn, seinem Metier. 

Von COVID-19 ausgebremst

Danach würde er nach Mermaid Beach an der südlichen Gold Coast des australischen Sonnenschein-Staats Queensland zurückkehren und sich dort wieder auf die Saison in Europa vorbereiten. Aber Covid-19 hat ihn ausgebremst. Danny Clark kann sich ohne Zeitdruck von seinem Unfall erholen. Er wohnt 100 Meter vom Strand, auch im Winter ist es warm in Queensland.

Radsport ist noch immer sein Leben, denn etwas anderes hat der Australier, der aus Launceston auf der Insel Tasmanien stammt, nie gelernt. Obwohl er, „seit ich vierzehn bin, alle zwei, drei Jahre einen schweren Unfall hatte“, nie selbst verschuldet, hat er sich immer durchgebissen, „weil ich es mein Leben lang getan habe“. 

Trotzdem ist er ein anderer Mensch als zu seiner Hochzeit, als er zwar Publikumsliebling in sämtlichen Hallen, aber eine verlorene Seele war. Schwermut und Traurigkeit sind aus seinen Augen gewichen. „Ich glaube, ich habe die Richtige gefunden“, sagt er. Die Frau ist Italienerin und heißt Sabina, er traf sie vor 21 Jahren in Forli und heiratete sie vor 16 Jahren. 

Die beiden sind verliebt wie am ersten Tag, leben und reisen zusammen. Längst hat er sich mit seinen Kindern Holly (43) und Daniel (40) aus erster Ehe versöhnt, er ist stolz auf seine drei Enkelsöhne (fünf Jahre, drei Jahre und sechs Monate) und tollt mit dem Jack-Russel-Malteser-Mix Jack herum.

Am Tiefpunkt traf er die Frau fürs Leben

Als er Sabina kennenlernte, war er am Tiefpunkt und zog ein von Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit geprägtes Lebensfazit: „Geld, Titel und Rekorde sind nicht alles im Leben, aber ich habe es zu spät begriffen.“ Die Karriere war vorbei, die Ehe mit Christine geschieden, und die 20 Jahre jüngere Freundin, mit der er seine Angst vor dem Altern vertrieb, hatte sich mit 30.000 Dollar aus dem Wandsafe aus dem Staub gemacht. 

Der bestbezahlte Profi seiner Zeit, der 1975 nach Gent in Belgien übersiedelte und zum Sechstage-Star avancierte, hatte Geld, aber kein Glück. Eine Stelle als Nachwuchstrainer in Perth fand er, das war’s. Niemand wollte den Sturkopf, der so süchtig nach Siegen war, dass ihn die Kollegen eher fürchteten als liebten. Er verkrachte sich mit Veranstaltern, die sich rächten, indem sie dem fünffachen Weltmeister (Keirin, Derny, Steher) in seinen letzten Profijahren keine oder schlecht dotierte Verträge gaben und schwache Partner zuteilten, so dass es unmöglich war, den Weltrekord des belgischen Sechstagekaisers Patrick Sercu (88 Siege) zu brechen.

Es gibt nicht wenige, die sagen, Clark sei dank seiner Verbissenheit der beste Sixdays-Fahrer aller Zeiten gewesen, zumal Sercu die meisten seiner Erfolge einfuhr, als es noch 17 Saisonrennen gab. Der 2003 verstorbene Stuttgart-Veranstalter Winfried Holtmann, den eine besondere Freundschaft mit dem „Tasmanischen Teufel“ verband, beschrieb Clarks Mentalität treffend in einem Satz: „Er war manchmal ein Saukerl, hat dem Sport aber unglaublich viel gegeben.“

Das Leben eines Einsamkeitsfanatikers

Hinter den Erfolgen in den rauchgeschwängerten Lärmhöllen steckte auch eine Art von Schizophrenie und Masochismus. „Wenn ich im Kreis herumfahre, starre ich auf irgendein Hinterrad und langweile mich zu Tode, und wenn du nicht im Sattel bist, sitzt du unbeweglich in der Kabine und starrst vor dich hin; du schaust irgendwohin, siehst aber nichts. Es ist tagein, tagaus dasselbe. Dieselben Leute, das gleiche Essen, die gleiche Luft“, so beschrieb Clark seine Arbeit, die ihn in einen Einsamkeitsfanatiker verwandelte. 

„Ich treffe nicht gerne andere Menschen, rede nicht gerne und habe Kommunikationsprobleme“, sagte er 1992 im selben Gespräch. „Wenn ich lache und ausgelassen bin, ist das nur Fassade, um mein Innerstes zu verbergen.“ Dieses Innerste war eine Mischung aus Schüchternheit, Unsicherheit, Melancholie und Traurigkeit darüber, dass ihn in seiner Heimat außer Radsport-Fanatikern niemand kannte, während ihm in den Sixdays-Hochburgen die Massen zujubelten. „Das“, sagte er, „war ein irres Gefühl, das mich angetrieben hat.“

Aus diesem Grund zieht Europa den Olympia-Zweiten von 1972 im Zeitfahren noch immer magisch an. Wobei heute die Nostalgie überwiegt, die einstigen Konkurrenten sind Freunde geworden. Zwischendurch arbeitete er bei Sechstagerennen einige Jahre als Schrittmacher auf den kleinen Derny-Maschinen, und, so Clark, „jeden Abend habe ich zwei Lieder gesungen“, denn auch als Gitarrist und Sänger hatte er zu seiner Hochzeit die Fans begeistert. 

Noch immer treibt ihn die Sehnsucht, anerkannt und erkannt zu werden. Im Gegensatz zu früher, als er drei, vier Monate brauchte, um vom Sechstage-Zirkus Abstand zu gewinnen, führen die Reisen jedoch nicht zur Entfremdung von Frau und Familie, denn Sabina ist immer dabei. Im Rückblick bedauert Danny Clark nur eines: dass er nie ernsthaft auf der Straße gefahren ist. „Mit meinem aggressiven Stil hätte ich bestimmt Etappen bei den großen Rundfahrten gewinnen können“, sagt er, „aber als ich nach Europa ging, lag das Geld auf der Bahn.“ 

(Copyright: Sissi Stein-Abel)



COVID-19 in Neuseeland
(Update 21. August 2020)

Ich habe in den vergangenen Monaten zahlreiche Texte über die Pandemie in Neuseeland geschrieben und werde sie eventuell auf meiner Website veröffentlichen. Da ich jedoch nicht zum kostenlosen Nachrichtenarchiv werden möchte, überlege ich mir andere Wege der Publikation.
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