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05.01. Koala-Krise

Die Buschfeuer und ihre unschuldigen Opfer
CHRISTCHURCH/SYDNEY/ADELAIDE. 
Die Bilder haben Herzen berührt und sind um die Welt gegangen: 
Die Frau, die ihre Bluse auszog, um den Koala Lewis, der später trotzdem starb, aus dem Feuer zu retten. 
Der Koala, der eine Radfahrerin um Wasser anbettelte. 
Der Koala, der sich vor dem Hintergrund eines rotglühenden Infernos neben einen Feuerwehrmann setzte, um in Sicherheit gebracht zu werden. 
Eine verdurstende Koala-Mutter mit Kind, Joey genannt, die vor einer Haustür Seite an Seite gierig aus Schüsseln tranken. 
Koala-Mutter Ainslee, die mit angesengtem Fell erschöpft auf einem toten Baumstamm saß und ihr Baby Rupert eng umschlungen hielt, um es vor Flammen und Qualm zu schützen.
Koalas, die sich mitten auf die Straße setzten, weil sie mit den Brandwunden an ihren Füßen nicht mehr laufen konnten. 
Koalas mit bunt bandagierten Pfoten, das sind jene, die Glück im Unglück hatten, weil sie rechtzeitig gefunden wurden und jetzt eine Überlebenschance haben.

Die verheerenden Buschfeuer in Australien und ihre Opfer. Viele Millionen Tiere, ob nun Kängurus, Wombats, Possums oder Kakadus, sind in den Flammen umgekommen oder durch die Hitze, Rauchvergiftungen oder Verhungern gestorben. Ökologen der Universität Sydney schätzen die Zahl allein für New South Wales auf mindestens 480 Millionen. 

Aber die Koalas, diese entzückenden grauen Beuteltiere, haben die Geschichten in den Medien geschrieben. Sie stehen mit ihrer Unschuld und ihrem Liebreiz, ihrer kuscheligen Rundlichkeit und ihrer Hilfsbedürftigkeit wie kein anderes Tier für die Unfassbarkeit der schon seit September andauernden Tragödie in den Bundesstaaten New South Wales (Sydney), Victoria (Melbourne), Süd-Queensland (Brisbane) und nun auch im Südosten von Südaustralien (Adelaide). 

Symbol für die Hilf- und Machtlosigkeit im Inferno

Sie sind das Symbol für die Hilf- und Machtlosigkeit, mit der die Menschen dem Inferno gegenüberstehen. Die Koalas sind besonders stark betroffen, weil sie keine Bodenbewohner sind und sich zu langsam fortbewegen, um vor den rasenden Feuern zu flüchten. Berichte aus den Katastrophengebieten besagen, dass verkohlte Koala-Leichen dutzendweise aus den Kronen der aufgrund ihres Ölgehalts extrem leicht entflammbaren Eukalyptusbäume auf den Boden geplumpst sind.

Viele der verletzten Tiere werden in dem 400 Kilometer nördlich von Sydney gelegenen Port Macquairie Koala Hospital versorgt. Dessen Spendenaufruf auf www.gofundme.com hat gezeigt, wie sehr die Menschen in aller Welt die putzig dreinblickenden Beuteltiere lieben. „Eigentlich wollten wir nur 25.000 Dollar (15.600 Euro, d.Red.) sammeln, um zwölf Trinkstationen am Rande der niedergebrannten Wälder zu finanzieren“, erzählt die für Adoptionen – das sind Spenden mit Bezug zu einem bestimmten Koala - zuständige Vera McVeagh. 

Doch nach der Rettung von Lewis regnete es Geld, mittlerweile mehr als 2,3 Millionen Dollar (1,44 Mio. Euro). „Jetzt können wir 100 Trinkstationen und ein Fahrzeug kaufen, das Wasser zu den Stationen transportiert. Außerdem können wir ein Zuchtprogramm starten, aus dem wir die Koalas in die Habitate auswildern wollen, in denen jetzt so viele gestorben sind.“ Experten befürchten, dass in New South Wales ein Drittel der Population (rund 8000) ausgelöscht und 80 Prozent ihres Lebensraums zerstört worden ist.

Auch ohne Buschfeuer eine gefährdete Spezies

Auch wenn keine Buschfeuer wüten, sind Koalas, die nur in den Eukalyptuswäldern der Ostküste und im Südosten von Südaustralien natürlich vorkommen, eine gefährdete Spezies. Wobei die Zahlen von Regierungsbehörden und gemeinnützigen Organisationen wie der seit mehr als 30 Jahren etablierten Australian Koala Foundation (AKF) dramatisch voneinander abweichen. 

Während die AKF-Vorsitzende Deborah Tabart meint, der Koala könnte in New South Wales im Jahr 2050 ausgestorben sein, rief das Komitee für natürliche Ressourcen (NRC) im vergangenen Juli das Landesparlament in Adelaide dazu auf, Koalas „zu keulen, zu vergiften und einzuschläfern“, da es so viele von ihnen gebe, dass sie die Bäume kahlfräßen und damit die Biodiversität gefährdeten.

Auf Anfrage hat sich das in Südaustralien zuständige Ministerium für Umwelt und Wasser (DEW) eindeutig davon distanziert, obwohl, so Mediensprecherin Melissa Martin, die Koala-Population hier im Gegensatz zu New South Wales, Queensland und ACT (das ist die Gegend um die Hauptstadt Canberra) wachse und die Spezies nicht gefährdet sei. Sie spricht von 200.000 Tieren. 

Diese Zahl freilich halten die Koala-Rettungsgruppen der Region, die täglich verletzte, kranke und verwaiste Tiere aufsammeln, für maßlos überzogen, sie basierten auf fragwürdigen Zählmethoden. 

Martin bestätigte, dass die Wildhüter des Ministeriums von 1996 bis 2018 rund 13.000 Koalas einfingen und sterilisierten, „um die Bestände in der Mount Lofty Range und auf Kangaroo Island zu reduzieren und die Vegetation zu schützen“. Seit Anfang 2019 wird Koala-Weibchen ein Hormonimplantat zur Schwangerschaftsverhütung nicht-operativ eingesetzt. In den vergangenen Tagen hat jedoch ein unkontrollierbar über die Insel rasendes Buschfeuer die Koala-Population von rund 50.000 auf Kangaroo Island dramatisch reduziert.

Die Regierung von Victoria schläfert Koalas ein

Im Gegensatz zu Südaustralien kennt die Regierung von Victoria kein Pardon. 2013 und 2014 wurden am Cape Otway an der Great Ocean Road in einer Geheimaktion 686 Koalas eingeschläfert, und auch 2015 ging die Todesspritze um. Die Offiziellen nannten es später eine Reinigungsmaßnahme, bei der nur kranke Koalas umgebracht worden seien. 

Gesundheitsprobleme, an denen Koalas leiden, sind der Koala-Retrovirus (KoRV), eine HIV-ähnliche Immunschwäche, die oft Chalmydia nach sich zieht, eine durch Kontakt übertragbare Infektion, die zu Blindheit, Unfruchtbarkeit und Tod führt, sowie Oxalose (Nierenversagen) und Räude. 

Ist ein Koala durch Hitze oder Unterernährung gestresst, wird er anfällig für die Infektionen. Das passiert leicht, denn angesichts des Klimawandels und der chronischen Dürre enthalten die Eukalyptusblätter, von denen sich die Koalas ernähren, nicht genügend Flüssigkeit, um sie ausreichend zu versorgen. Deshalb sind die Trinkstationen, die das Port Macquairie Koala Hospital propagiert, überlebenswichtig. Die Rettungsgruppen rufen die Bevölkerung ständig auf, mit Wasser gefüllte Gefäße unter Koala-Bäume und in Gärten zu stellen. 

Fehlender politischer Wille

Schon seit Jahren wirft die AKF-Vorsitzende Deborah Tabart der Regierung und den lokalen Behörden fehlenden politischen Willen vor, um die beliebten Beuteltiere, die Australien durch den Koala-Tourismus 30.000 Arbeitsplätze und Einkünfte von 32,2 Milliarden Dollar (20 Mia. Euro) bescheren, mit einem Koala-Schutzgesetz (Koala Protection Act/KPA) vor dem Aussterben zu bewahren. 

Es gibt zwar ein Umweltgesetz namens „EPBC Act“, doch es schließt die Forstwirtschaft aus, und nach wie vor roden Bulldozer beste Koala-Habitate für Industrie, Landwirtschaft, urbane Siedlungen und Bergwerke, das bringt Steuereinnahmen. Die Lebensräume werden zerstört, mindestens 65 Prozent der Eukalyptuswälder sind seit 1788 verschwunden, und mit den Menschen kommen Straßen, Autos und Hunde – die schlimmsten Koala-Killer. Die Buschfeuer geben ihnen den Rest.

Die gegenwärtige Tragödie scheint aber einige Politiker aufgeweckt zu haben. „Die Folgen der katastrophalen Brände sind so gewaltig, dass ein weiterer Verlust an Lebensräumen für die einheimischen Arten unverantwortlich wäre“, sagte Gladys Berejiklian, die Ministerpräsidentin von New South Wales, die insbesondere die weitgehend nicht-nachhaltig betriebene Forstwirtschaft in Frage stellte, „die Zukunft von bedrohten Tierarten und des ganzen Ökosystems steht auf der Kippe.“ 

Die Australian Koala Foundation verkauft schon seit Jahren Koala-T-Shirts mit dem Aufdruck: „No Tree – No Me“. Ohne Bäume gibt es keine Koalas. Es ist tatsächlich so einfach. Oder eben auch nicht.


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