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09.01. Der neue Held

Feuerwehr-Chef als Kontrastprogramm
CHRISTCHURCH/SYDNEY. Die Uniformjacke mit Orden und Plaketten behängt, würdevoll und gefasst. Aber Shane Fitzsimmons schämt sich seiner Tränen nicht. Der Chefkommandant des Rural Fire Service (RFS) des australischen Bundesstaats New South Wales spricht bei der Trauerfeier für einen der Brandlöscher, die bei den Buschfeuern ums Leben gekommen sind, kniet nieder und heftet dem kleinen Sohn des toten Mannes eine Tapferkeitsmedaille ans Hemd. Bei Pressekonferenzen hält er inne, um seine aufwallenden Gefühle hinunterzuschlucken. 

Doch wenn der Herr über rund 1000 Berufs- und mehr als 70.000 freiwillige Feuerwehrleute vor den Medien steht, sitzt jedes Wort, erklärt er Fakten und Zusammenhänge des Infernos auf den Punkt. Ein Mann der klaren Worte, der sich auch – zum wiederholten Male – nicht davor scheute, Australiens Premierminister Scott Morrison verbal zu watschen.

Das war der Fall, als der Regierungschef die Abkommandierung von 3000 Soldaten zur Unterstützung der Feuerwehren ankündigte, ohne die Chefkommandanten der Bundesstaaten darüber zu informieren. „Es war sehr enttäuschend, das aus den Medien zu erfahren“, sagte der 50-jährige Fitzsimmons, das sei „ein Mangel an professionellem Umgang“. Später erklärte er in seiner ruhigen Art, „in freundschaftlichen Gesprächen“ sei mit dem Büro des Premiers eine bessere Kommunikation vereinbart worden. 

Shane Fitzsimmons hat seit Beginn der apokalyptischen Buschfeuer stets den richtigen Ton getroffen. Wie kein anderer verkörpert er alles, was Morrison bei der Bewältigung der Krise abgeht: Kompetenz, Besonnenheit und Einfühlungsvermögen. In den australischen Medien wird der rundliche Mann mit der Glatze als Held gepriesen, als leuchtendes Beispiel. 

Keiner versteht die Opfer der Tragödie besser als Shane Fitzsimmons

Keiner, sagen Kollegen, versteht die Opfer der Tragödie besser als Fitzsimmons, weil er selbst solch einen Verlust erlitten hat. Sein Vater George, ebenfalls ein Feuerwehrmann, starb vor 20 Jahren, als ein Rückbrand – das ist die kontrollierte Verbrennung von Unterholz als Brandschutzmaßnahme – außer Kontrolle geriet. Fitzsimmons nennt den Tod seines Vaters als Hauptmotivation, ein herausragender Feuerwehrmann zu werden und die in der Feuersbrunst kämpfenden Kollegen bei ihren gefährlichen Einsätzen so gut wie möglich zu schützen

Schon mit 15 Jahren wurde er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Nach dem Abschluss einer Lehre als Kfz-Mechaniker schloss er sich 1994 der Berufsfeuerwehr an und arbeitete sich dort nach oben. 

Schon seit 2007 ist Fitzsimmons Feuerwehrchef von New South Wales und steht seither immer, wenn es brennt, an vorderster Front, schläft jede Nacht nur wenige Stunden, koordiniert die Einsätze – eine Mammutaufgabe angesichts der 122 Feuer, die – Stand von gestern – durch den Staat wüten. 

Und täglich liefert er vor den Medien seinen Bericht zur Lage in seinem Krisenstaat, steht Rede und Antwort. Seit drei Monaten, sagt er, „verbringe ich mehr Zeit mit der Ministerpräsidentin von New South Wales als mit meiner Frau“. Mit Ehepartnerin Lisa hat Fitzsimmons zwei erwachsene Töchter, Lauren und Sarah.

Fitzsimmons stand an der Front, weit weg von der Familie, während Scott Morrison in Haiwaii urlaubte. Er erklärt, warum der Klimawandel – immer kürzere Phasen für Rückbrände und immer längere Dauer und katastrophalere Ausmaße der Buschfeuer – das Leben in Australien zerstört, während Morrison mit Dollarzeichen in den Augen den Abbau von Kohle feiert. (Australien ist zusammen mit Indonesien der größte Kohleexporteur der Welt.) 

Vor drei Jahren brachte der Regierungschef, damals noch Finanzminister, einen Kohlebrocken ins Parlament und machte sich über die Gegner der Förderung von fossilen Brennstoffen („Kohle-Phobiker“) lustig. Morrison steht für die Zerstörung, Fitzsimmons für die Rettung des Planeten. Ein Kontrastprogramm mit nur einem Helden.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)



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