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29.03. Kein Weg aus NZ

Neuseeland stoppt deutsche Rückholungsflüge
CHRISTCHURCH. Das Abitur in der Tasche, den Duft der weiten Welt in der Nase, aber die Traumreise nach Neuseeland, die am 22. Januar begann und eigentlich bis zum 17. Juni dauern sollte, ist in einem 12 Quadratmeter großen Einzelzimmer im YMCA Hostel – der Herberge des Vereins Christlicher Junger Männer (CVJM) – in Christchurch zu Ende gegangen. Man könnte auch Einzelzelle sagen, denn Louis Mez hat nur zwei Stunden Ausgang pro Tag zum Einkaufen und Spazierengehen, die Uhrzeit, wann er kommt und geht, wird peinlich genau in einer Liste eingetragen. 

Im Erdgeschoss kann er im Fitnessstudio trainieren, das wie alle anderen Gyms für die Öffentlichkeit geschlossen ist, seit Neuseeland am vergangenen Mittwoch im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus eine totale Ausgangssperre für mindestens vier Wochen verhängt hat. „Den Rest des Tages verbringe ich in meinem Zimmer“, sagt der erstaunlich gelassene 19-jährige Abiturient aus Geislingen/Steige. „Zu Hause wäre es zwar schöner, weil ich dort Familie, Whirlpool, Klavier und Garten hätte, aber es ist auszuhalten. Bloß die Ungewissheit ist unerfreulich; niemand weiß, wie es weitergeht. Aber ich bin optimistisch, dass ich bald wieder in Deutschland bin.“

Louis Mez ist einer von mindestens 12.000 Deutschen, die am anderen Ende der Welt festsitzen und um ihre Rückkehr bangen, seit Neuseelands Regierung am Freitag die Rückholaktion der Bundesregierung stoppte. Lediglich ein Lufthansa-Flug mit 380 Passagieren an Bord, darunter eine Schülergruppe, durfte am Samstagmorgen mit Ausnahmegenehmigung in Auckland abheben, weil sich die Maschine bereits auf neuseeländischem Boden befand, als das Flugverbot verhängt wurde. 

Arbeit an Strategie für koordinierten Transport zu den Flughäfen

Die weiteren Luftreisen nach Frankfurt/Main, die Air New Zealand durchführen sollte, wurden bis Dienstag (31. März) ausgesetzt. Auf Anfrage teilte das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und Handel (MFAT) mit, bis dahin werde eine Strategie für den sicheren und koordinierten Transport der gestrandeten Deutschen zu den Flughäfen in Auckland und Christchurch erarbeitet. „Für die deutschen Staatsangehörigen gelten zu ihrer eigenen und der Sicherheit von Neuseeländern dieselben Isolationsregeln wie für die Einheimischen“, sagte ein MFAT-Sprecher. „Wir verstehen gut, dass viele nach Hause wollen, aber die öffentliche Gesundheit hat höchste Priorität.“

Laut Auskunft der deutschen Botschaft in Wellington sollen der Polizei gemeldete Fahrten von deutschen Touristen in Richtung der Flughäfen Auslöser für die radikale Maßnahme gewesen sein. 

Das verstehen die meisten Urlauber nicht. Zum einen, weil ihnen vor dem „Lockdown“, der um Mitternacht in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag begann, gesagt wurde, sie sollten sich rechtzeitig in Unterkünfte in die Nähe der Airports begeben. Zum anderen die in Posts auf Instagram und Facebook kritisierte schiefe Logik: An jedem Tag ihres Hausarrests dürfen 12.000 Deutsche zum Einkaufen in den Supermarkt gehen und fahren, wo sie vielen Neuseeländern begegnen, aber es soll zu gefährlich sein, wenn sie sich ein einziges Mal zum Flughafen bewegen, um ausgeflogen zu werden. 

In vielen anderen Ländern, die ihre Grenzen geschlossen haben, hat Letzteres funktioniert. Bis gestern hatte das Auswärtige Amt mit Rückführungsflügen 165.000 Deutsche nach Hause geholt.

Für seine eigenen Landsleute macht Neuseeland keinen Finger krumm

Dieser politische Wille fehlt im Land der Kiwis, wo es bislang 514 Covid-19-Fälle gibt und gestern das erste Todesopfer zu beklagen war. Seit Anfang Februar, als 193 Personen aus Wuhan, dem Epizentrum der Covid-19-Krise, evakuiert wurden, darunter 54 Neuseeländer und 44 Chinesen mit Daueraufenthaltsgenehmigung, hat die neuseeländische Regierung ihren im Ausland festsitzenden Landsleuten die kalte Schulter gezeigt. 

Als Air New Zealand vor knapp zwei Wochen die Route nach Buenos Aires von einem Tag auf den anderen nicht mehr flog, ohne die Passagiere zu informieren, und die Autorin dieses Artikels den konsularischen Notdienst in Wellington um Hilfe bat, erhielt sie die Auskunft, sie solle sich auf einen vielwöchigen Aufenthalt in der Hauptstadt Argentiniens einstellen. Wörtlich: „Wir können nicht helfen. Wir sind nur die Regierung, nicht Air New Zealand.“ [siehe Artikel vom 20.03. auf dieser Website]

Ein fast 6000 Euro teurer und 37 Stunden langer Flug mit Qatar Airways ermöglichte die Heimkehr nach Christchurch, bevor aus dem Ausland ankommende Einheimische in Auckland in Quarantäne-Hotels gesperrt wurden. Dank der unermüdlichen Rund-um-die-Uhr Arbeit des Krisenstabs des Auswärtigen Amtes und der Botschaften dürfen Zehntausende Deutsche inklusive der 12.000 in Neuseeland, die in Online-Petitionen Premierministerin Jacinda Ardern zum Umdenken auffordern, auf ein Happy-End hoffen.

Finanzielle Verluste und verlorene Träume

Ihre Verluste sind nicht nur finanzieller Art durch die Kosten von Unterkünften, Mietwagen, Wohnmobilen oder, wie bei Louis Mez, die Unmöglichkeit, das teure Auto, das er bei seiner Ankunft kaufte, zu einem einigermaßen akzeptablen Preis loszuwerden. 

Alessa Bergstreser, die seit vergangenen Oktober unterwegs ist, kündigte ihren Job als Werkstudent bei Airbus, um rund um die Welt zu reisen. Nach vier Monaten in Südostasien und einem Monat in Neuseeland hat die 25-jährige Hamburgerin Zuflucht bei deutschen Freunden in Christchurch gefunden. 

Französisch-Polynesien, die Osterinsel, Chile, Peru, Ecuador und Kolumbien bleiben unerreichbar. „Die Reise war mein Lebenstraum“, sagt sie, „aber die Welt geht deshalb nicht unter. Meine Eltern sterben zwar jeden Tag tausend Tode, aber ich bin hier gut aufgehoben. Ich bin ja auch schon ein bisschen älter als viele Aupairs und Backpackers, deren Eltern sind extrem nervös.“ 

Das Schlimmste, was ihr passieren könnte, wäre, wenn sie nicht rechtzeitig nach Deutschland zurückkehren würde, um am 1. Mai eine Stelle in ihrem früheren Beruf als Bankerin in der Vermögensverwaltung anzutreten. 

"Wir werden angeschaut wie Aliens"

Noch gelassener sieht das Hamburger Ehepaar A. und M. seine Situation. Die beiden verpassten ihren Rückflug in der vergangenen Woche, weil sich die Fluggesellschaft Emirates plötzlich zurückzog. „Wir haben beide keine Festanstellung und müssen nicht zurück“, sagen sie, „wir haben tolle Nachbarn, die sich um alles kümmern. Wir haben bei einer alten Freundin hier in Christchurch Unterschlupf gefunden und haben uns gut eingelebt.“

Es gibt allerdings auch Touristen, die vor Sorge nicht mehr schlafen können. „Wir sitzen in unserem Campervan mitten im Nirgendwo bei Christchurch“, schreibt „suessecom“ auf Instagram. „Wir stehen allein auf einem Parkplatz. Einkaufen und zum Tanken dürfen wir. Wir werden dort aber angeschaut wie Aliens. Sind wir die Schuldigen, die irgendwann den Frust abbekommen? Bitte holt uns aus diesem Gefängnis!“ 

Facebook-Gruppen geben den verunsicherten Deutschen zwar das Gefühl, dass sie nicht alleine sind, aber niemand weiß wirklich, was passiert. „Das meiste sind Gerüchte, und es wird viel Panik verbreitet“, sagt Alessa Bergstreser, „deshalb schaue ich mir das nur noch ganz selten an. Wir müssen jetzt einfach warten, bis eine offizielle Nachricht vom Auswärtigen Amt kommt.“

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

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Update 1. April 2020

Die neuseeländische Regierung ließ den angekündigten Termin verstreichen und setzte die Rückholflüge bis auf weiteres aus. Das Ministerium für äußere Angelegenheiten und Handel (MFAT) benötigte fünf Tage, um auf die Idee zu kommen oder Anregungen aufzunehmen, von der Deutschen Botschaft die Zahl und die Aufenthaltsorte der Rückreisewilligen festzustellen und mitzuteilen, um dann Transportwege zu den Flughäfen festzulegen. 

Diesen Erfolg hat die Deutsche Botschaft in Wellington heute mitgeteilt. 

Die mehr als 12.000 Deutschen müssen nun ihre Daten auf den Rückhollisten aktualsieren. Die Botschaft teilt dann die Gruppen nach Regionen auf. Es ist klar, dass jene, die sich in der Großräumen Auckland und Christchurch befinden, als erste wegkommen.
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