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Paradies mit Mängeln

Nichts geht schnell am anderen Ende der Welt
Von Sissi Stein-Abel

Der Blick aus dem Fenster ist ein Traum. Auf dem türkisblauen Wasser der Bucht von Lyttelton schaukeln weiße Segelbootchen neben wuchtigen Kreuzfahrt- und Containerschiffen. Manchmal surfen kleine Hector-Delfine vor dem Bug der Personenfähre, die das 5000-Einwohner-Städtchen mit Diamond Harbour am gegenüber liegenden Ufer des Hafenbeckens auf der Banks-Halbinsel verbindet. Die einst von einem Vulkan ausgespuckten Flanken der Berge wirken so weich, als wären sie mit ockerfarbenem Samt überzogen.

Allein für diese Aussicht hat sich das Auswandern nach Neuseeland – jenseits der Berge der 325 000-Einwohner-Stadt Christchurch auf der Südinsel - gelohnt. Jeden Morgen, wenn die Bellbirds mit ihrem glockenklaren Gesang den Tag begrüßen, ist das Aufstehen wie der Beginn eines Urlaubstages.
 
Die Freizeit fühlt sich an wie Dauerferien: Spaziergänge an Stränden, wo Robben dösen und Pinguine umherwatscheln, Joggen unter Riesenfarnen, Begegnungen mit Keas, den frechen Bergpapageien, und neugierigen Wekas, den flugunfähigen Hühnervögeln. Alles exotische Normalität. Doch zwei Jahre Leben am anderen Ende der Welt haben auch die Augen für den Alltag im Paradies geöffnet, den ein Tourist nicht wirklich wahrnimmt.

Der erste Verdacht, dass manche Leute nicht so locker und hilfsbereit sind, wie der Reisende sie sieht, bestätigt sich spätestens beim „Immigration Service“, der Einwanderungsbehörde, in Christchurch. Am Empfang sitzt – zum Glück nicht jedesmal – eine wortkarge junge Frau asiatischer Herkunft, deren unbewegte Miene – das unfreundliche Gesicht Neuseelands – in jedem Ratsuchenden Mordgelüste weckt.

Wer bei diesem Mensch gewordenen Bullterrier vorspricht und die Einwanderungsgesetze nicht im Detail kennt, ist verloren, stellt überflüssige Anträge, die wieder nur Geld und Nerven kosten. Wenn man nämlich zwischendurch nicht ins Ausland muss, kann man so lange im Land bleiben, bis über den ursprünglichen Antrag auf unbefristete Aufenthaltsgenehmigung entschieden ist.

Das dauert zwischen neun und zwölf Monaten. Im vergangenen Jahr gab’s für 782 Deutsche ein Happy-End. Wer mit einem Neuseeländer verheiratet ist, fällt unter die „Partner-Kategorie“ und muss im Gegensatz zu rein deutschen Einwanderern – neben Führungszeugnis und Gesundheitsreport – keinen Arbeitsplatz oder das Kapital für eine Firmengründung nachweisen. Dafür verlangt die Behörde einen fast schon demütigenden Seelenstrip, um sich davon überzeugen zu können, dass der Antragsteller keine Scheinehe zum Zwecke der illegalen Einwanderung führt.
 
Die deutsche Bürokratie ist überall

Die deutsche Bürokratie ist überall. Die Umschreibung des deutschen Führerscheins nach einem Jahr Aufenthalt erfordert gar eine theoretische Prüfung. Nur das Finanzamt fällt aus dem Rahmen: Die Beamten machen sogar kostenlose Hausbesuche, um das simple Steuerrecht zu erläutern.

Sind diese Hürden erst einmal übersprungen, ist das Leben am anderen Ende der Welt tatsächlich entspannter. Und langsamer. Vermutlich, weil ihre Welt so einsam ist – auf einer Fläche wie der alten Bundesrepublik verlieren sich vier Millionen Menschen, und der nächste Nachbar, Australien, ist 1600 Kilometer entfernt - , haben die Neuseeländer zu allem viel mehr Zeit als die gestressten Europäer. Nichts geht schnell, nicht mal der beste Cappuccino der Welt mit leidenschaftlich aufgeschäumter Milchhaube. Der fixe Deutsche muss viele Male tief durchatmen, ehe er den Rhythmus annimmt und genießt.

Dann wieder nimmt er Tendenzen wahr, die sein Bild vom weltoffenen, toleranten Neuseeländer ankratzen. Viele meutern gegen zu viele Asiaten im Land der Kiwis, andere verbreiten kleinkarierte Ansichten auf Leserbrief-Seiten. Die Zeitungen, die sich seriös geben, aber Klatschgeschichten boulevardesk auf den Titelseiten aufblasen, ersetzen den mittelalterlichen Pranger, indem sie selbst die Namen von Leuten, die nur eine Briefmarke gestohlen haben, veröffentlichen.

Selbst die ersten Bewohner sind Einwanderer

Aber wer oder was ist überhaupt der Neuseeländer? Es gibt keine Ureinwohner, selbst die ersten Bewohner, die Maoris, sind Einwanderer aus dem Südpazifik. Heute leben Menschen mit Vorfahren aus 145 Ländern zusammen mit 40 Millionen Schafen und 10 Millionen Rindern in dem seit 1907 selbständigen Inselstaat.

Der Start ins neue Leben ist von Komplikationen bei den winzigsten Dingen des Alltags geprägt. In den Häusern Marke Leichtbauweise ist es nicht mal einfach, ein Bild aufzuhängen. Vieles, was in Deutschland an jeder Ecke zu haben ist, gibt’s nicht, und so dauert mancher vermeintliche Minuten-Job ewig. Genauso wie die Suche nach Ersatzprodukten im Supermarkt.

Überhaupt das Essen... Wenn Neuseeländer von Brot sprechen, meinen sie Toastbrot, diese weißlichen plattgedrückten Wattebäusche, und ihre Wurst scheint Sägemehl zu enthalten. Fast jeder Deutsche backt deshalb am Anfang sein Körnerbrot selber und isst nur Salami und zerrupften Schinken, bis er herausfindet, wo deutsche Bäcker und Metzger ihre Waren anbieten. Die Neuseeländer ihrerseits lieben alles, was fett ist und fett macht: „Fish’n Chips“ (fritierter Fisch und Pommes), Hotdogs im Ausbackteig, Burger, Pommes, und was gesund sein könnte, wickeln sie in Blätterteig.

Die Neuseeländer nutzen jede Gelegenheit zum Smalltalk

Anders zu sein, grenzt nicht aus. Im Gegenteil. Es hilft, Anschluss zu finden. Ein kleiner ausländischer Akzent, schon ist man in ein Gespräch verwickelt. Die Neuseeländer nutzen jede Gelegenheit zum Smalltalk. Viele sind so locker drauf, dass sie bei Festen und Feiern auftauchen, ohne zu grüßen, eine Weile plaudern und dann wieder ohne einen Ton verschwinden.
 
Andere sind unglaublich neugierig: Wenn ein Haus verkauft wird, nutzen die Nachbarn den Tag der offenen Tür (Open Home) zu einer Inspektion. Das passiert oft, denn die Leute ziehen ständig um – oft, um nach erfolgreicher Renovierung das Gebäude mit Profit zu verkaufen.

Die „Kiwis“ sind leidenschaftliche Heimwerker. Entsprechend viel Pfusch gibt’s zu reparieren – auch im Haus am Hang, dem der Gutachter vor dem Kauf einen sehr guten Zustand bescheinigte. Das erste Jahr verfliegt im Renovierungsstress, der die Sehnsucht nach Familie und Freunden überlagert. Handwerkliche Fähigkeiten wie Tapezieren und Fliesenlegen eignet sich angesichts der ständig drohenden Ausbesserungsarbeiten jede(r) irgendwann an, spätestens beim Damen-Abend im Baumarkt.
 
Nach dem ersten lausigen Winter ohne Zentralheizung – das ist die Norm – werden neue Fenster und ein Pellet-Ofen eingebaut, der, anders als der Gasheizer, nicht nur sich selbst, sondern auch die Räume erwärmt.
 
Schnee nur an zwei, drei Tagen im Jahr

Außerhalb der Häuser ist der Winter gar nicht so unangenehm, denn in und um Christchurch sinken die Temperaturen selten unter null Grad, Schnee fällt nur an zwei, drei Tagen im Jahr. In dieser Zeit, wenn es früh dunkel wird, packen viele Neuseeländer die Weihnachts-Dekoration zum „Midwinter Christmas“ noch einmal aus und kochen Glühwein. Aber sie feiern auch mit Begeisterung termingerecht im neuseeländischen Hochsommer, mit Tannenbaum, Lichterketten, Konsumterror und Grill auf der Terrasse oder am Strand.

Die Liebe der sportverrückten Neuseeländer zum Rugby und Cricket zu teilen, fördert die Integration. Rugby ist einfach: Daniel Carter (Position: First Five Eighth...) und die All Blacks (das Nationalteam) sind die Größten. Beim Cricket ist es am Anfang schon ein Erfolg, nicht einzuschlafen, aber ein Grundverständnis für Mannschaftssport, mehrere Stadionbesuche und die Erklärungen des Ehemanns lassen nach einiger Zeit sogar Begeisterung aufkeimen.

Ohnehin erleichtert der Neuseeländer im Haus das ganze Leben – nicht nur, weil durch ihn die nahezu stressfreie freiberufliche Tätigkeit ohne festes Einkommen überhaupt erst möglich ist. Er weiß, wo es was gibt, kennt die Vorschriften und all die unbekannten Promis, die in den Medien auftauchen. Er beantwortet die 50- bis 1000-Dollar-Fragen bei der australisch/neuseeländischen Version von „Wer wird Millionär?“ Kinderreime, Redewendungen, Sprichwörter. Er füllt die Wissenslücken, die jeder hat, der hier nicht aufgewachsen ist.

Die Kenntnis über aktuelle Dinge in Deutschland wird oberflächlicher

Gleichzeitig wird die Kenntnis über die Dinge, die in Deutschland passieren, oberflächlicher. Da es für einen Journalisten aber unerlässlich ist, einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben, vergehen täglich mehrere Stunden am Computer, der wegen der Zeitverschiebung (derzeit plus zehn Stunden) auch das Hauptkommunikationsmittel mit Freunden und Kollegen in Deutschland ist.

Allerdings ist der Journalismus auch ein Beruf, mit dem man außerhalb der „Partner-Kategorie“ kaum eine Chance auf einen Daueraufenthalt im Land der Kiwis hätte. Gefragt sind nicht Dichter und Denker, sondern Leute, die das neuseeländische Wirtschaftswunder vorantreiben. Beim Einwanderungs-Punktesystem für Arbeitssuchende haben Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, IT-Spezialisten und Handwerker aller Art die besten Karten.

Im Optimalfall treffen sich nach dem bürokratischen Hürdenlauf wie in dem Haus in Lyttelton zwei Welten unter einem Dach. Der Neuseeländer singt „Marmor, Stein und Eisen bricht“, weiß, was beim VfB Stuttgart, Frisch Auf Göppingen und Jan Ullrich abgeht, liebt die vielen geschichtsträchtigen Orte Deutschlands. Die Deutsche kennt die Tiere, Pflanzen und Rugby-Spieler Neuseelands, ist fasziniert, dass Australien jetzt nur noch eine Mallorca-Reise entfernt ist.

Deutschland wirkt beim ersten Besuch nach eineinhalb Jahren in der endlosen Weite Neuseelands kompakter und idyllischer als früher, und es ist schön. Aber es ist auch schön, nach Neuseeland zurückzukehren. Ins ruhige Leben.
 
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