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Giftkrieg im Regenwald

Giftköder gegen den Staatsfeind Nummer eins
Von Sissi Stein-Abel

GREYMOUTH. Eigentlich ist Carey Dillon Kunsthandwerker und Fotograf. Er drechselt streichelglatte Holzschalen aus Rimu, einer nur in Neuseeland vorkommenden Steineiben-Art. Er selber nennt sich „Woodworker“ – Holzarbeiter.

Die Motive für seine Bilder präsentieren sich ungerahmt vor der Haustür: einzigartige Vögel, jahrhundertealte Bäume, tosende Wellen, kitschige Sonnenuntergänge. Aber Dillon kommt immer seltener dazu, die Schönheit der Landschaft abzulichten, in der er lebt, das Grün, das nirgendwo so grün ist wie an der regenreichen Westküste von Neuseelands Südinsel, wo der Jahresniederschlag in Metern und nicht in Millimetern gemessen wird.
 
Er fotografiert immer öfter Szenen von Zerstörung und Tod im Regenwald. Giftwarnschilder, Gift abwerfende Hubschrauber, protestierende Menschen, verseuchte Flüsse. Carey Dillons Bilder sind keine verklärten Postkarten-Idyllen, sondern Dokumente eines Wandels, der immer mehr Leute auf die Straße treibt.

In den vergangenen Wochen sind wieder einmal tonnenweise Giftköder in die dichten Wälder des Westens geprasselt, an einem Tag allein 73 Tonnen. Hubschrauber sind tagelang über die Hügel gekreist und haben die grünen Presslinge aus den unter dem Rumpf baumelnden Containern regnen lassen.
 
Die Köder enthalten den in der australischen Pflanze Gastrolobium natürlich vorkommenden Giftstoff Natrium-Monofluoracetat (NaFAc), der für Wirbeltiere bereits in geringen Dosen tödlich wirkt. Synthetisch hergestellt, wird es unter dem Namen 1080 vertrieben.
 
80 Prozent der Weltproduktion des Gifts gehen nach Neuseeland

80 Prozent der Weltproduktion, vielleicht sogar mehr, gehen nach Neuseeland, um dort die im Jahr 1848 aus Australien eingeschleppten Opossums – genauer: Fuchskusus (Trichosurus vulpecula) – und Ratten zu töten. Aber auch Hunde, Rehe und Vögel, die Köder oder tote Opossums fressen, sterben einen langsamen und qualvollen Tod.
 
Die Naturschutzbehörde DoC (Department of Conservation), die makabererweise zusammen mit der Tiergesundheitsbehörde (Animal Health Board) die Todesflüge organisiert, stellte im Rahmen einer Studie fest, dass fünf von zehn im Abwurfgebiet lebende Keas an 1080-Vergiftung gestorben sind. Die intelligenten Gebirgspapageien waren mit Transmittern ausgestattet worden, so dass ihre Kadaver geortet werden konnten.

Die Fuchskusus, die hier „possums“ heißen, sind Neuseelands Staatsfeind Nummer eins. Seit dem Ende der Pelzzucht vor rund 25 Jahren haben sie sich sprunghaft vermehrt. 60 Millionen dieser nachtaktiven Tiere fressen jede Nacht 20 Tonnen Blätter von Neuseelands einzigartigen Bäumen, rauben auf diese Weise den endemischen Vögeln des Inselstaates im Südpazifik das Futter. Und sie sind Überträger der Rindertuberkulose, die, so die Befürchtung, den Fleischexporten schweren Schaden zufügen könnten.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem Carey Dillon zu nichts kommt, womit Geld zu verdienen wäre. „Was soll’s“, sagt er, „um diese Jahreszeit ist im Geschäft sowieso nicht viel los.“ Es ist Winter in Neuseeland, und das Örtchen Kumara, rund zehn Kilometer von der stürmischen Tasman-See und 30 Kilometer von der Westland-Hauptstadt Greymouth entfernt, ist um die Mittagszeit wie ausgestorben.
 
"Ein radikaler Vollidiot mit großer Erfahrung"

Im Büro hinterm Gewächshaus gehen im Minutentakt Emails ein, der Fernsehsender TV3 und Radio New Zealand rufen an. Dabei ist Dillon nicht einmal Sprecher der Aktivistengruppe KEA (Kumara Environmental Action), sondern nur „ein radikaler Vollidiot mit großer Erfahrung“. Wieder klingelt das Telefon. „In Greymouth haben sie ein Klohäuschen auf einem Transporter gesichtet“, erzählt er, „und das verfolgen sie jetzt.“
 
Wo diese Plastikbox nämlich aufgestellt wird, ist die Basis für den nächsten 1080-Einsatz, und dann wissen die Demonstranten, wohin sie sich mit ihren Plakaten und –transparenten stellen müssen. Die Proteste werden landesweit lauter und finden in der Bevölkerung immer mehr Unterstützung. Am nächsten Tag schützen Bodyguards und Sperrzäune die Gifthubschrauber, Piloten und Arbeiter.

Weiter droben, in Karamea, wo die Westküstenstraße in einem zauberhaften Märchenwald mit hohen Baumfarnen, Nikaupalmen und rot blühenden Rata-Bäumen endet und der berühmte Heaphy Track beginnt, haben sich die Menschen zur Aktivisten-Gruppe KAKA (Karameans Advocating Kahurangi Action) zusammengeschlossen.
 
Tourismus-Firmen und Unterkunftsbetriebe haben vom „Animal Health Board“ Entschädigung für entgangene Einkünfte verlangt, weil sie an Giftabwurf-Tagen Touren absagen mussten. In Westport, auf halbem Weg zwischen Greymouth und Karamea, legten militante Naturschützer in einem 1080-Depot Feuer. In der Hauptstadt Wellington erhielten Ministerien Päckchen mit Giftködern, und im Hagley-Park in Christchurch, im Osten der Südinsel, tauchten Köder-Attrappen auf. Die Atmosphäre wird giftiger.
 
"Wollen Sie Giftwasser? Kein Problem!"

Peter McGill wohnt zwar erst seit zwei Jahren in Kumara, aber er hat sich in der Protestfront ganz vorne eingereiht. An einen Pfeiler der 140 Jahre alten Holzvilla, der er gerade restauriert, hat er ein riesiges Schild genagelt: „Wollen Sie Giftwasser? Kein Problem! Es wird von der neuseeländischen Regierung geliefert. Verbietet 1080!“ An anderen Grundstücken prangen Slogans wie: „1080 ist ein grausamer Tod“. Und: „1080 tötet alles.“
 
Im nächsten Ort, in Dillmanstown, müssen die Behörden das Dach eines Hauses waschen, weil die Hubschrauber über die Vorgärten fliegen. Der Wildzüchter Wayne Fairhall in Kaiata, vor den Toren von Greymouth gelegen, verlor vor ein paar Tagen zehn seiner 16 Rehe, weil auf einem Teil seiner Weide Giftköder landeten.

Früher, als er noch auf der Nordinsel, in der Nähe von Wellington lebte, machte McGill regelmäßig in der Gegend um Kumara Urlaub. „Die Wälder waren fantastisch. Die Jagd war fantastisch. Und plötzlich werfen sie tonnenweise 1080 ab, und alles ist tot“, sagt er. „Das ist Völkermord im Wald. Sie sagen, die toten Keas sind ein bedauerlicher Nebeneffekt einer guten Sache. Ich sage: Bereits ein toter Kea ist einer zuviel, und auch Kiwis sterben – unser Nationalvogel! Und niemand kann mit letzter Sicherheit sagen, was mit unserem Ökosystem passiert, mit unserer Trinkwasserversorgung.“
 
90 Prozent der Neuseeländer sind gegen den Einsatz des Gifts

Mehr als 90 Prozent der Neuseeländer sind laut Umfrage gegen den Einsatz des Gifts. Lediglich Farmer halten sich mit Kommentaren zurück, weil sie von der Opossum-Ausrottung profitieren. „Dabei ist die Rindertuberkulose nur ein Marketing-Problem, weil eben niemand in der EU infiziertes Fleisch will“, sagt Carey Dillon. „Die Rinder sterben nicht daran, und wenn man das Fleisch kocht, besteht für Menschen keine Gefahr. Diese Infektion und die Tuberkulose, an der Menschen erkranken, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.“

Die Naturschutzbehörde verweist zu Recht darauf, dass sich der Wald durch die Kontrolle der Opossums, wie sie das nennen, erholt und langfristig auch die Vogel-Populationen wieder wachsen werden. Aber heute ist ein stiller Tag. Bei einem mehrminütigen Stopp im Wald ist der melodische Gesang eines einzigen Tui, eines metallisch glänzenden schwarzen Honigfressers mit weißen Federbäuschen unter dem Schnabel, zu vernehmen. Eine Stunde später rennt eine aufgescheuchte flugunfähige Weka-Ralle über die Straße.
 
Dafür sind alle paar hundert Meter Giftwarnschilder an die Bäume genagelt, mit dem Totenkopf und den überkreuzten Knochen, und der Information, dass 1080 für Hunde tödlich ist. „Wenn einer meiner Hunde das Grundstück verlässt, muss ich ihm einen Maulkorb umbinden“, sagt Peter McGill.
 
Tote Vögel treiben auf dem Fluss

Der 52-jährige Motorrad-Freak hat Tiere sterben sehen. „Wenn ich mit dem Jetboot rausfahre, treiben tote Vögel auf dem Fluss“, sagt er. „Wir haben vergiftete Schwäne an der Straße entlang torkeln sehen. Sterbende Rehe im Fluss, die Bäuche aufgebläht, alle Viere steif von sich gestreckt, aber sie lebten noch. Wir haben ihnen den Gnadenschuss versetzt und geweint. Die Menschen wollen das nicht – wir und viele andere Steuerzahler. Die Regierung muss umdenken.“

Zwar forschen Wissenschaftler nach biologischen Methoden wie dem Einsatz von Viren, um der Opossum-Plage Herr zu werden, aber noch ist ein Ende der 1080-Luftangriffe, die pro Jahr mehr als 40 Millionen NZ-Dollar (18 Mio. Euro) kosten, nicht in Sicht.
 
„Dabei könnte man die Opossums auf humane Weise bekämpfen“, sagt McGill. „Sie könnten zum Beispiel mit den Hubschraubern Opossum-Jäger in unwegsamen Wäldern absetzen, ihnen ein Kopfgeld zahlen, und das Fell und Fleisch der Tiere verwerten. Das wäre ein intelligenterer Ansatz, als den Touristen vorzugaukeln, wir lebten in einem grünen, sauberen Land, und dann kommen sie hierher, und alles ist tot, und überall sind Giftwarnschilder aufgestellt. Die fliegen völlig schockiert nach Hause zurück. Langfristig wird der Tourismus schwer darunter leiden.“

Doch die Menschen an der abgelegenen Westküste sind kämpferisch, und Peter McGill hat einen besonderen Plan. „Wenn die Politiker nicht machen, was ihre Wähler wollen, müssen wir in die Politik gehen und das System von innen heraus ändern“, sagt er. „Ich werde mich in 21 Monaten zur Bürgermeister-Wahl des Distrikts stellen.“
 
Die Amtsinhaberin Maureen Pugh könne sich schon mal warm anziehen, rät er. „Ich bin kein armer Mann“, sagt McGill. „Ich werde eine Menge Geld in den Wahlkampf stecken, um den Job zu bekommen.“ Damit an der Westküste nicht nur der Wald grün bleibt, sondern darin auch wieder die Vögel singen.
 
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