Pressezentrum‎ > ‎Arbeitsproben‎ > ‎

Mehr Geld für Maori

Rückkehr der Maori-Seele
Von Sissi Stein-Abel

CHRISTCHURCH. In manchen Situationen schlagen die schlechten Angewohnheiten aus alten Zeiten, als Ron mit seinem Leben nichts Richtiges anzufangen wusste, noch durch. Zum Beispiel vor einem Rugby-Spiel. „Da rauche ich ein bisschen Marihuana“, erzählt er, „das macht den Kopf frei, vertreibt die Nervosität.“ Und an langen Wochenend-Abenden trinkt er ein Glas zuviel. Oder zwei, drei. Aber selbst dann hat er noch den Durchblick. „Es war schlimm, bis ich 25 war“, sagt er, „ich war mit zwielichtigen Leuten unterwegs, hatte Kontakt zu Banden. Aber niemand wird dazu gezwungen. Jeder kann ein besseres Leben führen, wenn er etwas dafür tut.“

Jetzt ist Ron 29, hat einen guten Job, eine Freundin und will so schnell wie möglich heiraten und Kinder haben. „Noch ein paar mehr gute Maori in die Welt setzen“, nennt er das. Oder: Den Einfluss der ersten Bewohner Neuseelands stärken, die vor rund 1000 Jahren mit ihren Auslegerkanus aus einem noch immer unbekannten Land namens Hawaiki – irgendwo zwischen Indonesien und Polynesien – in ihre neue Heimat im Südpazifik segelten .

Rund 600.000 Maori leben in Neuseeland. Das sind 14 Prozent der Gesamtbevölkerung von 4,2 Millionen. Touristen kennen sie vornehmlich in Röckchen aus Bast und Stroh, mit furchterregend bemalten Gesichtern, die Frauen mit tätowiertem Kinn. Sie tanzen, singen und schwingen Bälle an Schnüren, sie brüllen Schlachtrufe, stampfen mit nackten Füßen auf den Boden und strecken zum Abschluss ihres Kriegstanzes – dem Haka – die Zungen heraus. Maori-Kultur für Anfänger.
 
Zwischen spiritueller Heimat und sozialer Entwurzelung

Das wahre Leben könnte unterschiedlicher nicht sein. Zwischen spiritueller Heimat und sozialer Entwurzelung führen sie noch immer jede Negativ-Statistik an, in punkto Gesundheit, Bildung, Wohlstand und Alkoholismus, von Gewalt in der Familie bis zu Banden- und Drogenkriminalität. „Aber“, sagt Ron, „wir sind nicht zum Scheitern verurteilt, bloß weil wir Maori sind. Jeder ist seines Glückes Schmied. Man muss es nur wollen.“ Das Problem ist: Viele wollen es nicht. 50 Prozent der Gefängnisinsassen sind Maori.

Für jene, die es wollen, hat in der vergangenen Woche eine neue Zeitrechnung begonnen. Sieben Stämme aus dem Zentrum der Nordinsel, denen mehr als 100.000 Menschen angehören, unterzeichneten mit der Regierung den bahnbrechenden „Treelord Deal“, der den Maori Wälder mit einem Gesamtwert von 419 Millionen NZ-Dollar (203 Millionen Euro) überschreibt – 196 Millionen (95 Mio. Euro) für das 176.000 Hektar umfassende Land und rückwirkend 223 Millionen (108 Mio. Euro) Pacht. Es ist der lukrativste Vertrag, den die Maori seit der Einrichtung des Waitangi-Tribunals erzielt haben.

Diese Untersuchungskommission kümmert sich seit 1975 um die Ansprüche der Maori, die aus deren Benachteiligung in dem von Missverständnissen und mutwilligen Falschübersetzungen gespickten Vertrag von Waitangi mit der neuen britischen Kolonialmacht vom 6. Februar 1840 resultieren. In den meisten Fällen ging es um Land, das den Maori ohne Entschädigung weggenommen wurde.

Naturphänomene sind die Vorfahren der Menschheit

In ihrem Glaubenssystem aber hat jeder Baum, jeder Berg, jeder Fluss und jede Meeresbucht eine Seele. Naturphänomene sind die Vorfahren der Menschheit. Mit dem Verlust ihrer heiligen Fischfanggründe, Wälder, Seen und Naturschätze verloren die Maori ihre Identität.
 
Deshalb war, ist und bleibt die Rückgewinnung ihrer Gewohnheitsrechte an diesen Ressourcen eine existenzielle Frage für die ersten Einwanderer Neuseelands. Aber erst seit der Einrichtung des Waitangi-Tribunals hat sich der Staat auf sie zu bewegt. Und nun, da die schwer angeschlagene Labour-Regierung mit Blick auf die Parlamentswahlen am Jahresende Pluspunkte sammeln muss, sogar überraschend schnell.

Vor dem „Treelord Deal“ waren die umfangreichsten Zahlungen dreimal 170 Millionen NZ-Dollar (83 Mio. Euro) gewesen. Der erste dieser Verträge war 1992 der „Sealord Deal“. Darin ging es um die Rückgabe von Fischereirechten. Sealord Products Ltd, das jetzt zu jeweils 50 Prozent den Maori (Aotearoa Fisheries Ltd) und einer japanischen Firma gehört, ist Neuseelands größtes Fischerei-Unternehmen.

1995 bekam der Tainui-Stamm auf der Nordinsel nicht nur Geld, sondern auch Gebiete zurück, die der Staat nach den Landkriegen zwischen 1843 und 1872 konfisziert hatte. Im November 1997 wurde Ngai Tahu, der größte Stamm der Südinsel, mit diesen im nachhinein lächerlich anmutenden 170 Millionen NZ-Dollar für den Verlust von fast 140.000 Quadratkilometern gestohlenen Landes – mehr als der Hälfte von Neuseelands Gesamtfläche – entschädigt.
 
"Das Angebot annehmen und darauf eine Zukunft bauen"
 
Konservativen Schätzungen zufolge war das Land damals 12 bis 15 Milliarden NZ-Dollar wert. „Aber“, sagt Mark Solomon, der (gewählte) Vorstandsvorsitzende des Stammes, „wir standen damals vor der Wahl, entweder ewig weiterzukämpfen oder das Angebot anzunehmen und darauf eine Zukunft zu bauen.“

Der Südinsel-Stamm gründete eine Aktiengesellschaft (Ngai Tahu Holdings Corporation), investierte das Geld klug und hat nun ein Stammkapital von rund 540 Millionen NZ-Dollar. Ngai Tahu beschäftigt 600 Angestellte und weist vor allem auf dem Grundstücks- und Immobilienmarkt sowie im Tourismus (Shotover Jet, Huka Jet, Dart River Safaris, Gletscherwanderungen in Franz Josef, Wassertaxi- und Kajak-Touren im Abel Tasman Nationalpark, Whale Watch in Kaikoura) großartige Bilanzen vor.

Von den Einkünften kann jedes der rund 42.000 registrierten Stammesangehörigen profitieren. Ngai Tahu investiert in Gesundheit, Kultur und kulturelle Identität, Stammesleben und Sprachförderung – nur jeder vierte Maori spricht Te Reo Maori. Rons Freundin Aroha (Name geändert) erzählt, dass ihr Vater in der Schule Prügel bekam, wenn er die vokalreiche Sprache seiner Vorfahren sprach. So lernte kaum noch ein Kind Te Reo Maori. Erst Mitte der siebziger Jahre war es nicht mehr verpönt; heute wird es aktiv gefördert.

Ngai Tahu hat Fonds für Aus- und Weiterbildung eingerichtet, verlieh beispielsweise im vergangenen Jahr 753 Personen Stipendien und bezahlte Unterrichtsgebühren, half 141 Geschäftsgründern mit zinsgünstigen Darlehen auf die Sprünge. 6000 Menschen sparen mit dem Whai-Rawa-Programm, das hohe Zinsen und enorme Zuschüsse des Stammes garantiert, auf ihr erstes Haus oder für ihre Ausbildung.

"Anklagementalität ablegen und wirtschaftliches Potenzial entwickeln"

Viele Maori gehören dank dieser Unterstützung längst dem Mittelstand an. „Es ist unglaublich, was die Verträge für Tainui und Ngai Tahu bewirkt haben“, sagt der ehemalige Vorsitzende des Waitangi Tribunals, der 64-jährige Wira Gardiner, der es schon vor Jahrzehnten allein mit Willenskraft ganz nach oben schaffte. „Die Entschädigungszahlungen haben es den Stämmen ermöglicht, ihre Anklagementalität abzulegen und ihr wirtschaftliches Potenzial zu entwickeln. Die nächsten beiden Jahrzehnte werden den Kindern und Enkeln der heutigen Maori-Generation großartige Möglichkeiten eröffnen.“

Der wirtschaftliche Aufschwung der Maori sollte aber auch in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gesehen werden. „Wenn es den Maori besser geht, profitiert die ganze Nation davon“, sagt Paul Moon, ein Geschichtsprofessor der Universität von Auckland. „Die Stämme schaffen mit ihren Investitionen Arbeitsplätze, die dem ganzen Volk nützen. Die Maori sollten diese Chance nutzen und enger zusammenrücken.“

Noch gibt es Organisationen, denen die Zugeständnisse der Regierung nicht weit genug gehen, kleinkariertes Denken und Eifersüchteleien in Ortsgruppen. So hat ein achter Stamm den „Treelord Deal“ nicht unterzeichnet. Und besonders in Gegenden der Nordinsel mit hohem Maori-Anteil (Northland, Rotorua, Ostküste) sind viele Jugendliche völlig abgedriftet, Maori-Banden terrorisieren ganze Kommunen.
 
Mehr Geld für die Stämme heißt nicht, dass die Probleme über Nacht verschwinden. Aber der Vertrag hat das Selbstwertgefühl und Selbstverständnis vieler Maori gestärkt, nicht nur jener 800, die zur Unterzeichnung ins Parlament nach Wellington zogen und mit Tränen in den Augen das Ende eines 20-jährigen, ja, eigentlich 168 Jahre währenden Kampfes miterlebten.
 
Comments