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Rugby-Star Jonah Lomu

Zweites Comeback mit einer Niere
Von Sissi Stein-Abel

CHRISTCHURCH/MARSEILLE. Flügelflitzer im Rugby sind, anders als im Fußball, keine wuseligen kleinen Leichtgewichte, sondern echte Brummer. Ball tragende Sprinter-Typen wie in der Leichtathletik, explosive, kraftstrotzende Muskelpakete. Sie müssen etwas aushalten, wenn die gegnerischen Panzerknacker-Schränke sich ihnen entgegen stemmen wie Rammböcke, ihnen im Flug die Füße wegreißen oder sie aushebeln wie griechisch-römische Ringer. Hinfällige Kreaturen haben in solch einer rabaukigen Umwelt keinen Platz.

Jonah Lomu hat seit seinem kometenhaften Aufstieg bei der Weltmeisterschaft 1995 in Südafrika, damals gerade 20 Jahre alt, das Bild des unwiderstehlichen Flankenläufers geprägt wie kein anderer. Er erzielte bei seinem WM-Debüt in fünf Spielen der All Blacks, Neuseelands legendärer Nationalmannschaft, sieben so genannte „Tries“ – das ist, wenn der Ball hinter die Torauslinie gelegt wird, einem Tor im Fußball vergleichbar. England walzte er in seiner typischen Bulldozer-Manier fast im Alleingang platt. Er war der erste Weltstar des Rugby-Sports, das, was Pelé und Franz Beckenbauer im Fußball sind.

Jetzt feiert Lomu, inzwischen 34 Jahre alt, sein zweites Comeback. Allerdings nicht bei den fabelhaften All Blacks, die sich gerade auf Europa-Tournee befinden. Nicht einmal in seiner rugby-verrückten Heimat, wo sie sagen, er solle es doch bitte, bitte bleiben lassen. Sie fürchten, Lomu ist übergeschnappt. Wie um alles in der Welt, fragt die halbe Nation, kann ein Mann mit Spenderniere in diesem gnadenlosen Sport sein Leben aufs Spiel setzen? Seit Juli 2004 lebt Lomu, bei dem 1996 eine Nierenfehlfunktion (Nephrotisches Syndrom) diagnostiziert wurde, nämlich mit dem Organ eines Rundfunk-Moderators aus Wellington.

Ins Exil nach Frankreich

Weil sie ihn in Neuseeland nicht mehr wollen, ist Jonah Lomu ins Exil gegangen, in die französische Rugby-Provinz zum Verein Marseille-Vitrolles, derzeit Tabellen-Vierter der dritten Liga, der Fédérale 1. In der vergangenen Woche wurde der Muskelmann vom anderen Ende der Welt mit großem Bahnhof empfangen, vom Klubpräsidenten und 40 Journalisten. Der in Marseille erscheinenden Tageszeitung „La Provence“ war sogar Lomus Zwischenlandung in Paris eine Live-Meldung im Internet wert: „Lomu in Frankreich eingetroffen“. Halleluja!

Der Ankunft des Überirdischen haben sie seit der Vertragsunterzeichnung im Juni entgegengefiebert. Auf der Website des Klubs erzählt Lomu schon seit Monaten, was ihn so bewegt. Jonah hier, Jonah da. Zur Feier des PR-Coups wurde das erste Spiel nach Lomus Ankunft gegen den Tabellen-Dritten La Seyne-sur-Mer nach Toulon verlegt, wo normalerweise der Erstligist Rugby Club Toulonnais mit den beiden ehemaligen All Blacks Tana Umaga (Trainer) und Jerry Collins spielt. Lomu saß zwar nur auf der Tribüne, aber 9000 Zuschauer begrüßten ihn. Üblicherweise ziehen die Heimspiele 500 bis 2000 Leute an.

Jonah Lomu, der als Sohn armer Einwanderer aus Tonga in der Millionenstadt Auckland geboren wurde, aber bei Verwandten in Tonga aufwuchs, fühlt sich in der Form seines Lebens. „Ich bin so fit und stark wie nie zuvor“, sagt er. „Ich kann die 100 Meter in 10,9 Sekunden sprinten, und im Kreuzheben schaffe ich 300 Kilo im Schlaf.“
 
Dass er seinen Dienst bei Vitrolles nicht zu Saisonbeginn am 20. September antreten konnte, lag daran, dass er schon für einen Bodybuilding-Wettbewerb in Wellington zugesagt hatte. Durch das gnadenlose Training dafür schmolz der 1,96 Meter große Athlet von mehr als 140 Kilo auf ideale 113 Kilo. „Ich bin bereit“, sagt er, „die Frage ist jetzt nur noch, wie schnell ich mit meinen Mitspielern harmoniere.“

Zahlreiche Verletzungen nach der Dialyse

In Neuseeland trauen sie dem Braten nicht. Fitness schön und gut. Aber was ist mit brutalem Körperkontakt? Bei seinem Comeback im Juni 2005 nach drei Jahren Pause durch fast tägliche Dialyse und die Nierentransplantation hatte sich Lomu bei einem Einladungsspiel in England an der Schulter verletzt. Während seiner Zeit bei den Cardiff Blues in Wales brach er sich den Knöchel. Als er schließlich in der neuseeländischen Provinzmeisterschaft für North Harbour auflief, wähnte sich der Superstar am Ziel seiner Träume: Rückkehr ins All-Blacks-Team bei der WM 2007.
 
Die Medien lachten, sprachen von Realitätsverlust, Wahn- und Unsinn. Keine der Top-Mannschaften der Super-14-Liga mit den besten Teams aus Neuseeland, Australien und Südafrika wollte den 63-fachen Nationalspieler haben. Ein neuer Tiefpunkt, dem die Scheidung von Ehefrau Nummer zwei bald folgte. Jetzt fühlt sich Lomu frisch beflügelt durch eine neue Partnerin, Nadene Quirk, und eine acht Monate alte Tochter namens Braylee.

Auf internationaler Ebene hat Lomu hingegen immer hoch im Kurs gestanden. Seit seiner Zwangspause ist er Repräsentant von Adidas, auf einer Stufe mit Zinédine Zidane, und des internationalen Rugby-Verbandes IRU. Neuseelands Regierung hat ihn zum Gesicht der WM 2011 auserkoren, und in der vergangenen Woche präsentierte ihn Japans Verband am Rande der Bledisloe-Cup-Partie zwischen Neuseeland und Australien in Tokio als Botschafter der WM 2019. Ein Auftritt von Lomu bei einer Veranstaltung kostet zwischen 25.000 und 60.000 Euro. Der Mann ist reich.

Aber es ist nicht das Geld, und es sind nicht die Auftritte im feinen Zwirn und mit Metallgestellbrille auf der Nase. Rugby ist sein Leben. Dafür steigt er bis hinunter in die dritte französische Liga. Er ist zufrieden mit 5000 Euro im Monat, Haus, Auto und den Rechten an Werbefotos. Jonah Lomu hat nicht nur sich selbst etwas zu beweisen.
 
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