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Südsee-Kreuzfahrt

Traumreise in die Quarantäne
Von Sissi Stein-Abel

AUCKLAND. Am Horizont waren die Konturen des Reisetraums in Kobaltblau in den eine Nuance helleren Himmel gemalt: Otemanu und Pahia, die zackigen Basaltgipfel des Südsee-Paradieses Bora Bora. Nur 70 Kilometer entfernt und damit zum Greifen nah – und doch unerreichbar für die 1900 Passagiere des Kreuzfahrtschiffes Pacific Sun. Sie saßen fest in Uturoa, dem Geschäftszentrum von Raiatea. Dieses wildromantische Eiland war vor dem Aufstieg Tahitis das religiöse, kulturelle und politische Zentrum der Gesellschaftsinseln.

Die Urlauber, die ihre dreiwöchige Reise acht Tage zuvor in der neuseeländischen Metropole Auckland angetreten haben, stehen unternehmungslustig an der Reling, saugen die ersten postkartenmäßigen Blicke auf Französisch-Polynesien auf: die schroffen bewaldeten Vulkane, die diese spektakulären Landschaften ins Meer gespuckt haben, die von einem Korallenriff eingefasste türkisblaue Lagune, die winzigen von Kokospalmen gekrönten Inselchen entlang des Riffs, die so genannten Motus, das blitzblanke ockerfarbene Hafengebäude mit dem zinnoberroten Klinkerdach, die schaukelnden Yachten, und immer wieder dieses Bora Bora, so verlockend schön am Horizont.

Die Gangway ist ausgefahren, bereit, um die landhungrigen Passagiere auszuschütten. Aber die gepflasterte Uferpromenade ist wie leergefegt. Nur zwei, drei Sicherheitskräfte treten von einem Fuß auf den anderen. Souvenirhändler, Taxifahrer, Tourveranstalter und Autovermieter starren auf den weißen Ozeanriesen.
 
Um 8.40 Uhr ertönt die Stimme von Kapitän Salvatore Lupo über die Bordmikrophone. Aber es ist nicht die übliche „Alles klar“-Meldung. „Wir haben wegen der Grippefälle an Bord keine Erlaubnis bekommen, an Land zu gehen“, sagt der Kapitän. „Jetzt findet ein Meeting in Papeete statt.“ Das bedeutet: Wenn die Gesundheitsbehörden in der Hauptstadt Französisch Polynesiens kein grünes Licht geben, stirbt nicht nur der Traum von Raiatea, sondern auch von Tahiti, Moorea und Bora Bora, die noch auf dem Reiseplan der Pacific Sun stehen.

Verdacht auf Schweinegrippe

Vom ersten Tag an hat die Südpazifik-Kreuzfahrt („Tahitian Treasures“) unter keinem guten Stern gestanden. Auf dem Weg von Brisbane (Australien) nach Auckland erkrankte eine Frau an Grippe, und mit ihr wurden neun weitere Passagiere aus ihrem Umfeld mit Verdacht auf Schweinegrippe in Quarantäne gesteckt. Zwar mussten diese Leute in Auckland das Schiff verlassen, und das schwimmende Hotel wurde vor dem Einzug der Kreuzfahrt-Gäste komplett desinfiziert, aber von Anfang an kursierten Gerüchte über erkrankte Passagiere. Der Kapitän wählte allerdings eine Nichtinformationspolitik, und an Bord ging alles seinen gewohnten Gang.

Doch mit jedem Tag spielten sich seltsamere Szenen in den Korridoren ab. Servicepersonal huschte über die Gänge, in Sicherheitsoveralls gehüllt wie Wissenschaftler in atomaren Test- und Giftlabors, mit Schutzmasken vor Nase und Mund sowie Latexhandschuhen. Sie stopften Bettwäsche in Plastiktüten, besprühten Türklinken mit Desinfektionsmittel, und immer mehr Leute bekamen ihre Mahlzeiten aufs Zimmer.
 
Bald roch es auf den Gängen wie in einem schlecht gelüfteten Krankenhaus. Mal war von zehn Schweinegrippe-Verdachtsfällen die Rede, mal von fünfzehn. Aber die Landgänge in Vava’u (Tonga) und Rarotonga (Cook-Inseln) waren problemlos, abgesehen von der sekundenschnellen Infrarot-Temperaturmessung, der sich jeder Passagier beim Verlassen des Schiffs unterziehen musste.
 
Rettungsboote und Schwimmwesten

10 Uhr in Uturoa. Der Kapitän meldet sich wieder einmal. Die Verhandlungen in Papeete erwähnt er mit keinem Wort. Statt dessen startet er eine Notfallübung mit einem vermuteten Feuer in der dritten Etage der Pacific Sun. Rettungsboote werden seefertig gemacht, Tragen ausgepackt, die komplette Crew legt Schwimmwesten an und versammelt sich auf den Decks.

11 Uhr. Die Feuertüren im ganzen Schiff sind geschlossen. Das Personal trägt noch immer Schwimmwesten. Bei den Passagieren machen sich Frust und Hoffnungslosigkeit breit. Mit hängenden Köpfen sitzen sie rund um die Pools in der Sonne. Andere verbarrikadieren sich in ihren Kabinen. Der ganze Urlaub steht auf dem Spiel. Das beste wäre, sagen die meisten, direkt nach Auckland zurückzuschippern, und das britische Kreuzfahrt-Unternehmen P&O solle den kompletten Reisepreis zurückerstatten. Wer will schon drei Wochen in einem Altersheim eingesperrt sein? (Je länger eine Kreuzfahrt, desto höher der Altersschnitt der Passagiere.)

Um 13 Uhr geben die Gesundheitsbehörden in Tahiti grünes Licht, die Geschäftsleute an Land jubeln, die Touristen strömen erleichtert vom Schiff. Der Urlaub ist gerettet. Drei Tage später ankert das Schiff vor Bora Bora. Aber nichts an Bord ist wie vorher. Die Schweinegrippe spielt dabei so gut wie keine Rolle.
 
Vielmehr leiden plötzlich rund 200 Passagiere am Norovirus, einem extrem ansteckenden Magen-Darm-Virus. Die Krankheit hat sich in Windeseile ausgebreitet, weil auf dem schaukelnden Schiff jeder die Geländer anfasst und erschreckend viele Leute die Gewohnheit haben, Dinge vom Büffet zu nehmen und wieder zurückzulegen. Beim Schlangestehen um Tickets für Landgänge und beim Essen kommen sich die Leute näher, als für ihre Gesundheit gut ist.

Mondmenschen in den Kabinengängen

Aber erst als der Norovirus mehr als zehn Prozent der Urlauber niedergestreckt hat, klärt der Kapitän die Leute auf und ordnet strikte Hygienemaßnahmen an. An den Büffets ist keine Selbstbedienung mehr erlaubt, in den Restaurants mit Service werden Salz- und Pfefferstreuer, Zucker und Milch von den Tischen geräumt. Das Personal an Bord arbeitet nun fast rund um die Uhr, desinfiziert Geländer, Türklinken, Tische, Stühle, einfach alles, im 15-Minuten-Rhythmus.
 
Hände werden zwangsdesinfiziert, die Mondmenschen in den Kabinengängen sind nun Normalität, der Ozeanriese ist endgültig ein Seuchenschiff. Wer Durchfall hat, darf seine Kabine vier, fünf Tage nicht verlassen – sehr wohl aber seine Mitbewohner. Obwohl die Kranken von einem Magen-Darm-Virus geschwächt darnieder liegen, traut sich angesichts der Schweinegrippen-Paranoia kaum jemand, öffentlich zu husten oder sich die Nase zu putzen.

Als die Pacific Sun in Apia, der Hauptstadt Samoas, anlegt, droht das Schiff erneut zum Gefängnis zu werden. Wer auf einem Gesundheitsfragebogen auch nur eine Frage – selbst jene nach Kopfschmerz – mit Ja beantwortet, wird zu Schiffsarrest verdonnert.
 
Am Kai haben die Behörden unter einer Markise ein Gesundheitszentrum mit Tischen und Stühlen aufgebaut. Krankenschwestern mit Mundschutz wuseln umher. Sie stecken jedem einzelnen Passagier ein Fieberthermometer ins Ohr und messen die Temperatur. Nur wer ein Zertifikat mit dem Aufdruck: „Getestet und freigegeben“ (Checked and Cleared), vorweisen kann, darf den Hafen verlassen. Wer sich kein frühes Auslassticket gesichert hat, sitzt bis zu vier Stunden auf dem Schiff fest.

In Fidschi ist alles anders. Jeder, der will, darf von Bord. Nicht einmal die Infrarot-Kameras sind in Einsatz. Nach dem Staatsstreich von Frank Bainimarama und dem damit verbundenen Besucherrückgang ist die Bananenrepublik auf jeden Touristen-Dollar angewiesen. Und zurück in der Heimat in Auckland, wo strikte Kontrollen üblich sind, kann jeder unbehelligt vom Schiff spazieren. Kein Wunder. Die Passagiere sind die am gründlichsten desinfizierten Ankömmlinge, die in Neuseeland je angekommen sind.

 

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