Verschwunden in Argentinien

Andi Colli

Am 18. oder 19. Dezember 2002 ist ein Freund von mir in der Provinz San Juan in Argentinien spurlos verschwunden. Er heißt Andi Colli, stammt aus Ulm und war zum Zeitpunkt seines Verschwindens 37 Jahre alt.
 
Andi war in den Anden beim Bergsteigen. Er hatte den Gipfel des Aconcagua, des höchsten Berges Südamerikas erklommen, und startete seine Tour auf den 6770 Meter hohen Mercedario am Gendarmerie-Posten Santa Ana in der Nähe des Ortes Barreal. Andi hat den Gipfel des Berges nie erreicht, sein Name ist im Gipfelbuch nicht eingetragen.
 
Dafür wurden bei der Suche  nach ihm (siehe Foto links) auf halber Höhe, an einem Lagerplatz namens Laguna Blanca, bergab führende Spuren entdeckt. Die Gendarmen - vergleichbar mit dem Bundesgrenzschutz in Deutschland - an den Posten Las Juntas und Santa Ana behaupten, Andi sei dort unten niemals angekommen.
 
Ein höchstwahrscheinlich angeheuerter Zeuge will Andi nachts an der einer Landstraße gesehen und an seinem riesigen Rucksack erkannt haben. Aber dieser Zeuge war in dieser Nacht nachweislich gar nicht unterwegs, und  der Rucksack wurde Anfang 2007 am Berg gefunden - rund 1000 Meter höher als die abwärts führenden Fußspuren und fernab der geplanten Route.
 
Ein Teil von Andis Sachen tauchte im Haus eines Berghirten auf. Andere Gegenstände fehlen, darunter zwei Paar Schuhe, seiner Wanderstöcke, kurz: alles, was wertvoll ist.  Daraufhin erfanden sie in Argentinien flugs die Theorie, Andi sei mit einem Tagesrucksack höher gestiegen, um sich zu akklimatisieren. Aber Andi hatte gar keinen Tagesrucksack dabei, und wer vorher auf dem Aconcagua war, muss sich nicht für einen niedrigeren Berg akklimatisieren.
 
Dubioserweise gibt es mittlerweile plötzlich zwei unterschiedliche Fundorte des Rucksacks... Zur Krönung dieser Farce wollen nämlich nun zwei Italiener den Rucksack gefunden haben. Der Rucksack auf den "Beweisfotos" ist aber nicht identisch mit Andis Rucksack, den die Polizei sichergestellt hat und der nachweislich Andis Rucksack ist.
 
Interpretiert man alle diese Tatsachen und Phantasien, müsste Andi bei seinem angeblichen Absturz alle Wertsachen, zwei Mützen, zwei Wanderstöcke und ein Zelt mit sich gerissen haben, das er zuvor unterm Arm spazieren getragen hätte.
Er wäre nur in Unterhosen bekleidet in eine Gletscherspalte gefallen, und diese beiden Italiener hätten den Berghirten Andis Sachen geschenkt, und die wiederum hätten alles ungesehen am Gendarmerie-Kontrollposten vorbei getragen und den Rucksack in 5000 Meter Höhe stehen lassen, damit ihn jemand anderes finden kann, obwohl jeder Mensch in diesem Kaff namens Barreal Andis Fall kennt... Wer's glaubt...
 
Und Andi wäre eine selten gegangene, abwegige und längere Strecke als die Normalroute gegangen, obwohl er es eilig hatte. Nach wir vor hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Andis Leiche im Kamin des "Hotel Barreal" verbrannt wurde. Eine Belastungszeugin, die dies behauptet, wurde in der Zwischenzeit in einem psychologischen Gutachten als glaubwürdig eingestuft.
 
Nicht nur auf Grund all dieser Ungereimtheiten sind wir überzeugt, dass Andi umgebracht wurde. Schon kurz nach seinem Verschwinden setzte sich bei uns die Erkenntnis durch, dass einige Leute etwas zu vertuschen haben, ob nun ein Hotelier, der seinen Gästen zerbrochenes Glas im Kompott serviert und im Mercedario-Gebiet als illegaler Jäger in der Gegend herumballert, oder ein Gendarm, der einem tödlich verunglückten amerikanischen Fotografen die Bergstiefel gestohlen hat. Ob Bergführer, die so tun, als wollten sie helfen, sich aber nur in Bewegung setzen, wenn sie dafür bezahlt werden, oder ein anderer Touren-Anbieter, dessen Firma gar nicht offiziell registriert ist und fleißig Steuern hinterzieht.
 
Wir haben weltweit Kontakte zu Menschen geknüpft, die wirklich Interesse an der Aufklärung des Falles interessiert sind. All diese Aussagen haben uns Einblicke in eine Welt verschafft, die uns oft sprachlos gemacht haben. Wir haben in Abgründe geblickt. 
 
Wir - das sind Andis Onkel Horst Kelb, der alle Aktionen finanziert und unermüdlich versucht, den schläfrigen Behörden in Deutschland und Argentinien Beine zu machen, Esteban, unser Kontaktmann vor Ort, unsere Anwältinnen Mariangel und Claudia in San Juan, sowie weitere treue und neue Helfer in Argentinien, und natürlich ich.
 
Ich bin für Übersetzungen zuständig und habe dank meiner Spanisch-Kenntnisse auch schon Zeugen in Argentinien aufgespürt, die von der Polizei bis heute nicht vernommen wurden. Ich habe die Gerichtsakten und Vernehmungsprotokolle von der ersten bis zur letzten Seite gelesen und kann deshalb behaupten, dass einige so genannte Zeugen gelogen haben, dass sich die Balken biegen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Aussagen vor allem einiger Gendarmen strotzen nur so von Widersprüchen.
 
Nachdem einige unfähige/befangene/unwillige Richter, die korrupte Gendarmerie und der dubiose Hotel-Manager lange genug gemauschelt und den Fall praktisch zum Stillstand gebracht hatten, ist die Akte nun beim Strafgericht in San Juan gelandet. Sprich: Auch der Richter - der wievielte eigentlich? - geht jetzt von einem Verbrechen aus. (Drei Richter sind wegen Befangenheit aus dem Verfahren geschieden...)
 
Ohne unsere privaten Ermittlungen und den unermüdlichen Einsatz der beiden Anwältinnen, die das Gericht mit Anträgen bombardieren, wäre Andis Akte längst in den Archiven verschwunden. Sie füllt mittlerweile fünf Ordner mit fast 1000 Seiten.
 
Immer, wenn es voranzugehen scheint, sind in Argentinien Gerichtsferien. Aber immerhin gibt es jetzt einen neuen Zeitplan für weitere Zeugenvernehmungen und eine weitere Suche am Berg. Die Ulmer Staatsanwaltschaft, die in Deutschland für den Fall zuständig ist, sprüht nicht gerade vor Enthusiasmus. Der Kernsatz des letzten Schreibens vom 20. Juni 2007 lautete: „ Gegenwärtig ist weder gesichert von einem Anfangsverdacht eines Tötungsdeliktes noch davon auszugehen, dass Andreas Colli ohne Fremdverschulden zu Tode gekommen ist.“
 
So bleibt  Andi zumindest in Deutschland nur ein Vermisstenfall. Aber wir geben erst Ruhe, wenn der Fall aufgeklärt ist. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass die Wahrheit irgendwann doch noch ans Tageslicht kommt. Und darum geht es uns. Wir wissen, dass es Andi nicht lebendig macht. 
 
Hotel Barreal
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Rucksack-Fundort Nummer eins
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Rucksack-Fundort Nummer zwei, in einer völlig anderen Gegend am Berg
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Gendarmerie-Posten Las Juntas, wo Bergsteiger, Bergführer und Transportfahrzeuge kontrolliert werden (sollen...)
 
 
 
 
 
 
 
 
Das Mercedario-Gebiet.
Der erste Posten, den Andi Colli mit seinem Zubringerdienst, dem Ex-Pächter des Hotel Barreal passierte, war Las Juntas (in der rechten oberen Bildecke; Barreal liegt außerhalb dieses Kartenausschnitts). Von dort ging' weiter nach Santa Ana. Das ist der Ausgangspunkt für Touren durch das Colorado-Tal. Einer der Gendarmen in Santa Ana, Gendarm A., schickte Andi Colli jedoch auf die Normalroute über El Molle, durch das Tal des Río Blanco. An der Laguna Blanca wurden die letzten Fußspuren von Andi Colli gefunden.
Die beiden Fundstellen des Rucksacks - bzw. des richtigen und eines zweiten Rucksacks, der nicht Andi Colli gehörte, sind in weitaus größerer Höhe, und die zweite Fundstelle weit von jeder logischen Route für eine schnelle Besteigung des Mercedario entfernt.
 
 
 
 
 
Andi Colli am Aconcagua

Wir sind weiterhin dankbar für alle Hinweise, die uns weiterbringen könnten. Da das Gericht in San Juan hoffnungslos überlastet ist, geht es nur voran, wenn wir mit neuen Erkenntnissen Druck machen. Deshalb: Wer seltsame Erfahrungen am Mercedario gemacht hat, mit Gendarmen, Bergführern, Hoteliers, egal ob vor oder nach Andis Verschwinden im Dezember 2002, bitte melden.

Wer kennt norditalienische Bergsteiger mit den Initialen S.S. und A.G., die Ende 2006/Anfang 2007 am Mercedario waren? (Aus rechtlichen Gründen kann ich die vollen Namen nicht nennen.)

Wer war nach Andis Verschwinden am Mercedario und kann Angaben über die Kontrollen an den Posten Las Juntas und Santa Ana machen?

Wer hat Andi im Dezember 2002 in Chile oder Argentinien getroffen und mit ihm gesprochen? 

Andi Colli war 1,87 Meter groß, blond, hatte braune Augen, war 37 Jahre alt, und sah genau so aus wie auf den Fotos. Das Bild unten, wo er ganz in Schwarz gekleidet neben seinem Rucksack steht, ist das letzte, das ihn lebend zeigt. Es wurde vor seiner Mercedario-Tour am Posten Santa Ana aufgenommen.
 
Das letzte Bild von Andi Colli am Posten von Santa Ana.
 
 
 
 
 
Update Ende 2010
 
Aus gesundheitlichen Gründen musste Andis Onkel sein Engagement im Kampf um die Wahrheit auf ein absolutes Minimum reduzieren.
 
Laut einem Bericht des "Diario de Cuyo" von Mitte Dezember 2010 hat der zuständige Richter Leopoldo Matías Zavalla Pringles, passend zum achten Jahrestag von Andis Verschwinden, eine weitere - letzte - Suche am Berg angekündigt, die "Anfang 2011" stattfinden sollte. Je nachdem, was dabei herauskommt, wollte er entscheiden, ob er gegen sieben Personen Anklage wegen Falschaussage erheben wird: gegen sechs Gendarmen und den ehemaligen Pächter des Hotel Barreal. 
 
Die Suche sollte am Cerro Negro stattfinden, an einem Stein, von dem die Italiener behaupten, sie hätten dort Andis Rucksack gefunden, den sie an den Baqueano weitergaben. Der Richter sagte, es sei gewagt, von Mord zu sprechen. Er werde jeden Stein umdrehen (bildlich gesprochen) und alle nur denkbaren Aspekte beleuchten.

Er stellte klar, dass es die letzte Suche sein würde, weil dann alle Wege vor Ort erschöpft seien. "Wenn Colli nicht dort war, können wir einem anderen Verdacht nachgehen, dann ist der Fall in eine andere Richtung offen", sagte er. 

"In welcher Richtung?", fragte der Reporter.
Antwort: "Wenn es nötig ist, müssen wir die italienischen Bergsteiger her schleppen, damit sie uns erklären, wo sie den Rucksack gefunden haben."

"Das würden Sie tun?"
Antwort: "Ja, in diese Richtung müssen wir die Untersuchungen abschließen. Es ist nicht leicht, es durchzuziehen, denn wir sprechen von jemandem, der nicht im Zehn-Kilometer-Umkreis wohnt, sondern im Ausland. Ich werde dazu alle Möglichkeiten ausschöpfen, die ein normales Strafgericht hat."
 
 
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